Disclaimer:

Akte X, Dana Scully, Fox Mulder u. a. gehoeren urheberrechtlich Fox Broadcasting, 1013 Productions und Chris Carter. Verwendung dient nicht kommerziellen Zwecken.Knuepft an die Geschichte <Dunkle Schatten> (31.12.98 in der AXFF Mailingliste) an, derzeit zu finden unter http://members.aol.com/steffistd/ oder im Storyboard des Generischen Waldes , kann aber auch so verstanden werden.

 

 

 

Hanuman

von Stephanie Raatz

 

 

Zwei Wachen liefen vor der Tuer des Staatsbesuches auf und ab. Nichts konnte ihnen entgehen. Niemand konnte waehrend der Abwesenheit der Herrschaften das Appartement betreten ohne an den faehigen Wachposten vorbei zu kommen.
Ein leises Sauggeraeusch, welches im Laerm der Hotelgaeste unterging, ertoente im Inneren des Zimmers. Daraufhin folgte ein noch leiseres, scharrendes Geraeusch, als ob man etwas uebereinander schieben wuerde, und wenige Sekunden spaeter liess sich eine schwarz gekleidete Person von der Zimmerdecke in den Raum hineingleiten.
Leise wie eine Katze setzte sie auf. Kein Geraeusch war zu vernehmen.
Suchend blickte sie sich um.
Wie auf Samtpfoten eilte die Person durch das Zimmer und steuerte auf einen schwarzen Aktenkoffer zu.
Noch hatten die Wache nichts bemerkt...
Die Verschluesse schnappten auf. Die Person hielt den Atem an und lauschte. Als sie sicher sein konnte, dass man nichts mitbekommen hatte, entwendete sie die gesuchten Unterlagen aus dem Koffer und verschloss ihn wieder.
Mit schnellen lautlosen Schritten glitt sie wieder am Seil hinauf, stockte jedoch, als sie vom Flur her Stimmen wahrnahm.
Als der Staatsbesuch das Zimmer betrat, war von dem Einbruch jedoch nichts mehr zu sehen...

 

***

 

Zwei Tage spaeter, FBI-Zentrale New York...

"Miss Cunningham, wo bleiben meine Akten?"
Eine junge Frau, bekleidet mit einem grauen Kostuem und Hornbrille, betrat das Buero ihres Vorgesetzten und legte die geforderten Akten vor. Hinter der Hornbrille blitzten tueckische, katzengleiche Augen als ihre Haende vorschnellten und mit einem einzigen Griff das Genick des Mannes brachen.
Wenige Minuten spaeter befanden sich Hornbrille und Kostuem im Kofferraum eines roten Sportwagens. Zartgliedrige Finger liessen eine Diskette im Handschuhfach verschwinden und starteten den Wagen.
Keine Spur deutete mehr auf 'Miss Cunningham'; sie hatte nie existiert...

 

***

 

Das Ekko-Tech-Gebaeude lag etwas ausserhalb der City. Es war ein recht imposantes Gebaeude und zeugte vom Fortschritt und Reichtum der Firma.
"Ich war ja dafuer, dass wir jemanden engagieren, aber gleich Mord?" Athur Kingley, Vizepraesident der Ekko-Tech Corp. lief nervoes auf und ab.
"Ich weiss," versuchte sich Peter Owen, Vorstandsmitglied und Leiter der Abteilung Forschung, zu verteidigen, "sie hat ihre Grenzen ueberschritten, aber wie sollen wir sie stoppen?"
"Gar nicht, meine Herren!" erklang eine erotische Frauenstimme aus dem Hintergrund. Die Fahrstuhltueren schlossen sich hinter ihr und dem gesamten Vorstand war klar, dass es kein Entkommen mehr gab.
"Tamara..." setzte Kingsley noch zu einer Erklaerung an, doch da war es bereits zu spaet.
Unter den Augen seiner Kollegen richtete sie ihn gnadenlos...

 

***

 

AD Masters vom FBI, New York hatte von oberster Stelle die Anweisung erhalten, sich persoenlich um den Fall 'Ekko-Tech' zu kuemmern. Er hatte sich strikt an die Anweisung zu halten und die besagte, zu seinem Bedauern, dass er sich persoenlich um die Aufklaerung der Angelegenheit zu kuemmern habe. Er stellte diesbezueglich keine Fragen, auch wenn ihm mehrere auf der Zunge brannten.
Er wirkte mehr muede als interessiert, waehrend er ueber seinen Unterlagen bruetete. Seit einer Woche tat er nichts anderes. Es war frustrierend.
Er hatte es satt, immer auf der selben Stelle zu treten, aber was sollte er machen? Diese mysterioese Frau war zu gerissen. Nichts deutete auf sie hin, haette es da nicht einen Zeugen gegeben: Peter Owen. Hatte gegeben... leider war Owen wenige Stunden nach seiner Vernehmung im Krankenhaus auf mysterioese Weise umgekommen.
"Richard? Kann ich Ihnen was zu trinken bringen?"
Seine Sekretaerin lugte hinter der Tuer hervor und betrachtete ihn ein wenig besorgt.
Er nickte dankbar und sah ihr hinterher. Wie kam es nur, dass sie noch so spaet arbeitete?
"Es ist reichlich spaet, warum arbeiten Sie noch?" Masters griff nach der Tasse und liess seinen Blick aus dem Fenster schweifen.
"Sie arbeiten doch auch," laechelte sie.
Ihre Blicke trafen sich und er hatte ein wunderbar merkwuerdiges Gefuehl von Vertrautheit dabei.
Verwirrt blickte er wieder aus dem Fenster.
Als sie jedoch den Raum verlassen wollte, hielt er sie zurueck: "Natascha, warten Sie!"
Erstaunt drehte sie sich wieder zu ihm um.
Er deutete auf den Stuhl ihm gegenueber und gab ihr zu verstehen, dass sie doch bleiben solle.
"Ein wenig Gesellschaft taete mir ganz gut... glaube ich jedenfalls."
Sie laechelte.
<Was fuer Beine!> schoss es Masters durch den Kopf. Warum fiel ihm das erst jetzt auf?
Aus einer Eingebung heraus fragte er sie spontan: "Haetten Sie Lust, noch etwas trinken zu gehen?"
"Ja."
Er verschluckte sich am Kaffee und begann zu husten. Masters hatte mit allem gerechnet, aber mit keinem 'Ja'.
"Alles in Ordnung?" Sie klopfte ihm sanft auf den Ruecken und sah ihn stirnrunzelnd an.
Masters war verwirrt. Wie war sie nur so schnell und ohne, dass er es bemerkt hatte, hinter ihn gelangt?
"Nein! Ich meine ja, oh Mann, lassen Sie uns gehen, bevor ich es mir noch mal ueberlege!"
Mit einem Satz war er aus seinem Stuhl und griff sich seine Jacke. Sie folgte ihm verschmitzt laechelnd...

***

Er hatte bereits festgestellt, dass sie huebsche Beine hatte, aber waehrend er ihren Koerper neben sich auf einem der Barhocker betrachtete, fiel ihm mehr als deutlich auf, dass sie nicht nur huebsche Beine hatte. Er atmete tief ein und nahm einen Schluck Bourbon.
"Ich gehe mich kurz frisch machen!" Ihre Augen hafteten einen Moment laenger an seinen als es noetig gewesen waere.
Er schluckte. Normalerweise war er nicht so empfaenglich fuer solche Dinge, doch diesmal warf es ihn voellig aus dem Konzept. Fasziniert blickte er ihr nach, bis sie in der Damentoilette verschwand, dann widmete er sich wieder seinem Drink.
Mit einem Male spuerte er eine Hand auf seiner Schulter. Er vermutete seine Sekretaerin und wandte sich mit einem umwerfenden Laecheln um, doch er blickte nicht in das blaue Paar Augen von Natascha. Gruene Augen, die ihn an eine Katze erinnerten, starrten ihn unverfroren und verfuehrerisch an.
Erschrocken, verbluefft und voellig sprachlos ueber diese Direktheit starrte er seine Gegenueber an.
"Hallo... "
Er spuerte einen kalten Schauer ueber seinen Ruecken laufen. Welch eine erotische Stimme... und welch berechnender Blick. Masters stockte. Das passte ganz und gar nicht zusammen. Das gefiel ihm nicht.
Abweisend blickte er ihr ins Gesicht: "Bitte?"
"Mein Name ist... " hauchte sie, kam aber nicht weit.
"Tschuldigung!" Natascha schob sich an der Bruenetten vorbei und setzte sich wieder auf ihren Barhocker und brachte diese voellig aus dem Konzept. Wuetend starrte diese seine Sekretaerin an und ihre Augen leuchteten nun wie Smaragde.
<Wenn Blicke toeten koennten...> dachte Masters abschaetzig und wusste, er wuerde nur Augen fuer Natascha haben...

 

***

 

So konnte das einfach nicht weitergehen! Es war Montagmittag und die Akten tuermten sich auf seinem Schreibtisch. Ein weiterer Mord, ein weiterer geheimnisvoller Diebstahl,... Wie machte diese Frau das nur?
Ein wildes Blaetterchaos lachte ihn fast schon haemisch an und die weit im Raum verteilten Stapel Computerpapier schienen nur darauf zu warten, ihn in die Verzweiflung zu treiben. Wuetend begab er sich auf der Suche nach einer Akte unter seinen Schreibtisch.
"Richard?"
Ein leises Klopfen und die Stimme seiner Sekretaerin liessen ihn unterm Tisch vorschrecken, wobei er sich zum verteufelten Male den Kopf stiess.
"Verdammt, wo ist der forensische Bericht zum Fall 'Ekko-Tech'? Natascha!"
Erstaunt beobachtete er, wie sie sich einmal suchend umsah, den Bericht dann mit einem Griff aus einem Berg von Papieren zog und ihm auf den Tisch legte.
Seufzend hievte er sich wieder auf seinen Stuhl, betrachtete den Bericht, anschliessend Natascha und sein ganz persoenliches Chaos.
"Wie machen Sie das nur?"
"Weibliche Intuition?" lachte sie und liess ihn gestresst allein.

Er war gerade dabei seine Sachen zusammen zu suchen, als er die energische Stimme seiner Sekretaerin vernahm: "Sie koennen da nicht rein! Halt! Haben Sie mich nicht verstanden?"
Masters dachte gerade noch, dass sein geruhsamer Feierabend dahin war, da schwang auch schon die Tuer zu seinem Buero auf und eine rassige Schoenheit postierte sich vor seinem Schreibtisch.
Wenige Sekunden spaeter stolperte Natascha ueber die Schwelle zu seinem Buero und entschuldigte sich fuer das ploetzliche Hereinstuermen der Unbekannten.
Masters war alles vergangen. Er hatte das Gefuehl, ein Seil spanne sich um seinen Hals und schnuere ihm die Luft ab. Dann erinnerte er sich wieder daran zu atmen. Diese gruenen Augen - wo hatte er sie schon mal gesehen?
"Miss, was sollte das eben?" Gedankenverloren wippte er mit seinem Buerostuhl und starrte seine Gegenueber mit misstrauischen Augen an. Er wollte moeglichst gelassen wirken.
"Ich will Sie, Assistant Director Masters, mit Haut und Haaren!" floetete seine unbekannte Besucherin.
Ein lautes, ploetzliches Poltern erklang und sie sah sich nur noch einem Paar ausgestreckter Beine gegenueber. Sein Stuhl war samt seiner Person nach hinten weggekippt. Er hatte wiedermal mit allem gerechnet, aber nicht mit so etwas. Wieso brachten ihn manche Frauen nur so aus dem Konzept?
Er rappelte sich wieder auf und nahm wahr, dass sie den Raum bereits wieder verliess.
"Wir treffen uns in zwei Stunden!" laechelte sie und verschwand.
Er starrte auf die Stelle, wo sie noch vor wenigen Minuten gestanden hatte und schluckte einmal kraeftig, dann trafen ihn die vorwurfsvollen Augen seiner Sekretaerin...

 

***

 

"Darf ich rein kommen?"
Masters betrachtete das huebsche Gesicht seiner Sekretaerin und winkte sie herein.
"Natascha..."
"Richard, wie konnten Sie nur!" fuhr sie ihn ploetzlich an.
"Was...?" Ihm kam in den Sinn, dass sie das Gespraech mitbekommen hatte.
"Das habe ich nicht von Ihnen erwartet!" seufzte sie und trat an das Fenster.
Masters hielt den Atem an. <Mein Gott!> Diese Frau raubte ihm den Atem. Wieso hatte er sie so lange ignoriert?
Er erkannte fast nur ihre Umrisse, da es im Raum recht dunkel war, doch ihr Gesicht war von den Strassenlaternen angestrahlt und spiegelte sich in der Fensterscheibe. Er konnte seinen Blick nicht mehr loesen.
Vergessen war die fremde Frau, vergessen seine Rueckenschmerzen, die vom unsanften Sturz mit seinem Stuhl zeugten, er sah nur noch dieses zarte Gesicht, dass sein Innerstes auszufuellen schien.
Langsam schritt er auf sie zu, ihr Gesicht nicht aus den Augen verlierend. Sie blickte ihn mit einem klaren, entschlossenen Blick an.
<Sie weiss, was sie will!> schoss es ihm durch den Kopf, <Aber was will ich?>
"Natascha..." Seine Hand zitterte, als er ihre Wange beruehrte. Sie lehnte ihr Gesicht in seine Hand und schloss die Augen.
"Oh, mein Gott!" fluesterte er, "was tue ich?" Wenige Sekunden spaeter spuerte er ihre Lippen auf seinen, ein Sehnen in seinem Koerper und das Gefuehl von Vollkommenheit.
Er zog ihren Koerper an seinen und hielt sie fest umschlossen.
"Masters!"
Erschrocken wich er von ihr ab. Ihr Blick war sanft und doch verwirrt. Dann sah er seinen Vorgesetzten in der Tuer und musste schlucken.
"Ich wollte nachsehen, wie weit Sie sind, aber..."
"Sir," unterbrach er ihn, "denken Sie jetzt nichts falsches!"
"Ich denke nichts falsches, ich habe ja gesehen, was Sie unter Arbeit verstehen!" schimpfte dieser.
"Sehen Sie zu, dass Sie den Fall in den Griff bekommen!"
"Ja, Sir," murmelte Masters niedergeschlagen und packte seine Sachen wieder aus...

 

***

 

"Richard? Kann ich dir helfen?"
"Natascha? Ich dachte, du waerst schon weg." Erstaunt sah er auf die Uhr, es war bereits 22:00 Uhr durch. Eigentlich hatte er jetzt eine Verabredung, kam es ihm in den Sinn.
"Ich hatte da eine Idee..." begann sie und wartete auf Masters Reaktion.
"Hast du dich mit dem Fall beschaeftigt?"
"Naja, ich dachte, ich koennte dir vielleicht helfen..."
"Und? Kannst du mir helfen?" Er laechelte. Seine Verabredung war jetzt egal.
"Nun," sie setzte sich ihm gegenueber in den Stuhl, "Ekko-Tech produziert Computerequipment, richtig?"
"Richtig!"
"Mister Homito, dessen Unterlagen entwendet wurden, ist ein hochangesehener Forscher in seinem Land. Ich gehe davon aus, dass er Unterlagen hatte, die Ekko-Tech weitergeholfen haetten. Also wurde das FBI eingeschaltet. Agent Bricks muss zu viel gewusst haben, denke ich."
"Und der Vorstand?"
"Ich glaube, man hatte ein Problem mit dem veruebten Mord und da wurde ueberlegt, wie man das Problem aus dem Weg schaffen koennte, doch das Problem hat den Vorstand schliesslich aus dem Weg geraeumt."
"Gut recherchiert und ueberlegt, doch warum die weiteren Morde und Diebstaehle?" gruebelte Masters und richtete seinen Blick wieder aus dem Fenster.
"Vielleicht zur Ablenkung, vielleicht zur Verwirrung oder einfach aus Spass. So wie die Frau von Owen beschrieben wurde, muss sie teuflisch viel Spass an dieser Sache haben!"
"Aber wieso verschwindet sie so ploetzlich und scheint nie dagewesen zu sein? Und diese immense Kraft die teilweise im Spiel war, das kann keine Frau gewesen sein!"
Natascha schuettelte den Kopf: "Das ist der Punkt, wo auch ich nicht weiter komme."
Er laechelte und winkte sie zu sich rueber.
"Danke fuer deine Hilfe! Aber jetzt mach endlich Feierabend! Ich denke ueber deine Idee nach, okay?"
Sie laechelte und liess sich von ihm kuessen, ehe sie seine Anweisung dankend annahm und das Buero verliess...

 

***

 

Er musste eingeschlafen sein. Seine Uhr zeigte bereits 06:30 Uhr morgens und der Horizont faerbte sich in ein helles Orange. Gaehnend streckte er sich und blickte auf den Berg Papiere, auf dem er die Nacht verbracht hatte.
Verschlafen streckte er seine steifen Knochen und stand auf, um sich frisch zu machen. <Wiedermal ein Tag vergangen, den ich nur im Buero verbracht habe.> seufzte er in Gedanken und freute sich auf einen frischen Kaffee von Natascha, die, wie er hoffte, in wenigen Minuten eintreffen sollte.
Er oeffnete er die Tuer zu seinem Vorzimmer, blieb erstarrt stehen und schloss die Augen: "Nein..."

 

***

 

Er hatte das Gefuehl voellig leer und ausgelaugt zu sein. Schmerz fuellte ihn langsam von innen aus. Sein Blick war aus dem Fenster gerichtet, doch er nahm nur ihr Gesicht wahr, welches sich gestern in genau jener Fensterscheibe gespiegelt hatte.
Ein Kollege legte seine Hand troestend auf seine Schulter, doch er stiess sie fort. Er konnte jetzt kein Mitleid ertragen.
"Masters."
Er ignorierte die betont mitleidige Stimme seines Vorgesetzten.
"Miss Duncan, Natascha..."
Richard hob abwehrend die Hand und gebot seinem Vorgesetzen Einhalt. Es kostete ihn sehr viel Kraft sich unter Kontrolle zu halten.
"Der Fall geraet ausser Kontrolle! Klaeren Sie das! Ich gebe ihnen eine Woche!" zischte sein Vorgesetzter und ging.
Masters drehte sich um, wollte ihm wuetend etwas antworten, da wurde die Bahre hochgehoben und heraus getragen.
Er musste schlucken.

 

***

 

Seine Arbeit half, ihn abzulenken, doch immer wieder schweiften seine Gedanken zu der Frau, die ihn zum erstenmal im Leben wirklich innerlich beruehrt hatte.
Wuetend pfefferte er die gehasste Akte in eine Ecke des Bueros, nur um sie wenige Minuten spaeter wieder einzusammeln und erneut durchzulesen.
Er war der festen Ueberzeugung, dass an Nataschas Theorie etwas Wahres dran sein musste. Wer haette sonst Interesse an ihrem Mord gehabt als der Taeter?
Sehnsuechtig blickte er aus dem Buerofenster und erblickte das Bildnis von Natascha.
"Es muss etwas geschehen!" fluchte er, griff nach dem Telefonhoerer und waehlte eine Nummer in Washington D. C.
"Walter?... Hier ist Richard, Richard Masters. Ich brauche deine Hilfe..."

 

***

 

Washington D. C., J. Edgar Hoover Building, am gleichen Tag...
Es war gerade 8:00 Uhr durch, doch Mulder schien bereits zu arbeiten. Das Licht brannte und einige Akten lagen verstreut auf dem Boden und seinem Schreibtisch. Das Buero war so furchterregend kalt, dass Scully sich entschloss ihren Mantel anzubehalten.
"Die Heizung ist defekt!" Mulder betrat das Buero mit einem Schal um den Hals.
"Man koennte meinen, wir befinden uns in einer Tiefkuehlhalle!" zischte Scully zwischen ihren klappernden Zaehnen hindurch und setzte sich an ihren Platz. Ihre Begruessung blieb aus.
"Vielleicht moechte man uns ja einfrieren und in besseren Zeiten auftauen?" witzelte Mulder.
"Ich denke, wir kaemen eher als Schauobjekte in eine Freakshow!" grummelte Scully und versuchte ihre Haende warm zu reiben.
"Wie waere es mit warmen Gedanken, liebste Partnerin?" Mulder ging vor ihr in die Hocke und ergriff ihre Haende, um ihr zu helfen, sie warm zu rubbeln. Sie laechelte ihn mit einem warmen Ausdruck in den Augen an und genoss den Augenblick vertrauter Zweisamkeit.
"Agent Mulder, Agent Scully?"
Beide blickten erstaunt auf und registrierten Skinners Erscheinen in der Tuer.
Mulder liess ihre Haende abrupt los und richtete sich wieder auf. Die zarte Verbindung zwischen ihnen brach entzwei. Scully seufzte.
"Director Skinner, was treibt Sie in dieses Kellerloch?"
"...Gefriertruhe!" unterbrach Scully leise schimpfend Mulder's Begruessung.
"Ich weiss, es ist verdammt kalt hier..."
"Nein wirklich?" zischte sie und bedachte ihren Vorgesetzten mit einem ihrer patentierten Blicke.
Skinner war in ersten Augenblick sprachlos, fasste sich jedoch wieder und begann mit ernster Miene sein Anliegen darzulegen.
"Sie sollen fuer kurze Zeit in der VCU in New York aushelfen. Ich kann ihnen noch nichts genaues sagen, das muss Assistant Director Masters uebernehmen, aber da man dort weiss, dass Sie eine ausgezeichnete Pathologin," wandte er sich an Scully, "und Sie ein Spezialist auf dem Gebiet Serienmoerder und Psychopathen sind," richtete er sein Wort nun an Mulder, "hat man Sie angefordert. Also gehen Sie Ihre Sachen packen, Ihr Flug geht in drei Stunden."
Scully rauschte an ihm vorbei: "Und nebenbei schliessen Sie unsere Abteilung und machen hier einen Gefrierschrank fuer die Kantine daraus, alles nur Verschwoerung!"
Skinner blickte ihr verwirrt hinterher. So kannte er sie ja nun gar nicht.
Mulder grinste: "Sie hat heute einen schlechten Tag!"
Dann eilte auch er an Skinner vorbei, kehrte jedoch noch einmal um und sah Skinner zweifelnd an: "Das mit dem Psychopathen war nicht persoenlich gemeint, oder?" Eine Antwort gar nicht erst abwartend, zuckte er mit den Schultern, so nach dem Motto: 'Ist ja eh egal' und folgte Scully den Flur hinunter. Zurueck blieb ein masslos verwirrter und sprachloser Skinner.

Nach wenigen Metern hatte Mulder Scully wieder eingeholt und tippte ihr von hinten auf die Schulter: "Koennte es sein, dass meine allerliebste Partnerin schlechte Laune hat?"
"Ja und nein, mein herzallerliebster Partner," entgegnete sie im Weitergehen.
"Und? Wuerdest du mir verraten warum?"
"Nein, wuerde ich nicht."
"Hach," er seufzte theatralisch, "du hast kein Vertrauen mehr zu mir."
Lachend knuffte sie ihm in die Seite. Er konnte es doch immer wieder schaffen, sie zum Lachen zu bringen.
"Ich habe eine Meinungsverschiedenheit mit meiner Mutter," kam sie schliesslich mit der Sprache raus.
"Mit deiner Mutter? Mit dieser hinreissenden Frau?"
"Wieso erzaehl ich dir das ueberhaupt? Wir haben doch noch nie ueber solche Dinge geredet!" platzte sie erstaunt heraus.
"Es gab da eine merkwuerdige Nacht, da... ", absichtlich zoegerte er den Rest des Satzes ein wenig heraus und dachte an das merkwuerdige Gespraech in dem Hotel in Philadelphia, welches sie vor kurzer Zeit mitten in der Nacht bei einem vorausgegangenem Fall gefuehrt hatten.
Scully laechelte, um ihre Unsicherheit zu verbergen und ergaenzte seinen Satz: "Da war ich so verwirrt, dass ich dir tatsaechlich fast jede Frage ueber mich beantwortet habe. Ich begreife das bis heute noch nicht!"
"Dann muss das Liebe sein!" flachste er und handelte sich damit einen weiteren Knuffer in die Rippen ein.

 

***

 

"Ich moechte wirklich wissen, warum wir nach New York gescheucht werden?"
Scully registrierte das gelbe Schild, welches sie zum Anschnallen aufforderte und begann ihre Gurtschnallen zusammen zu suchen: "Es muss sehr dringend sein, wenn wir jetzt schon im Flieger sitzen."
"Psychopath hat er mich genannt..." brummte Mulder in seine Zeitung 'Der einsame Schuetze' vertieft.
"Er hat gesagt, du kennst dich mit Psychopathen aus, Mulder!" entgegnete Scully und wunderte sich insgeheim, dass er nicht eines seiner Glanzheftchen in der Hand hielt.
Er grinste sie schief an: "Ist das nicht bei mir das selbe?"

 

***

 

"Willkommen im 'Big Apple' - die New Yorker haben einen eigenartigen Humor!" brummte Mulder waehrend er sich in der Ankunftshalle des New Yorker Flughafens einen Prospekt aus einem Prospektkorb zog, der New Yorks Silhouette zeigte und die Form eines riesigen Apfels hatte.
"Fehlt nur noch, dass Godzilla in den Apfel beisst!" phantasierte er weiter, als im gleichen Augenblick in einiger Ferne ein Mann in einem Godzilla-Kostuem ueber einen Koffer stolperte und lauter Kinoprospekte fallen liess.
"Ouh..." murmelte Mulder und folgte der schmunzelnden Scully zu den Taxistaenden.
"Agent Scully, Agent Mulder?" Ein blonder Huene winkte sie aus einiger Entfernung zu sich heran.
"Assistant Director Masters?" Scully sah ihren Gegenueber erstaunt an. Sie hatte sich Masters voellig anders vorgestellt.
Er schuettelte beiden die Hand und fuehrte sie zu seinem Dienstwagen: "Ich bringe Sie jetzt erstmal in Ihr Hotel, dann koennen wir morgen frueh alles weitere besprechen."
"Warum sprechen wir nicht gleich? Wir haben Zeit - haben wir doch, oder?" Mulder blickte Scully fragend an.
"Sicher! Also warum haben Sie uns angefordert? Wir sind doch eigentlich ein abschreckendes Beispiel fuer andere Abteilungen."
Mulder raeusperte sich beleidigt, doch Scully ignorierte ihn geflissentlich.
"Sie haben die hoechsten Aufklaerungsraten und laut ihren Profilen zu urteilen, zaehlen Sie zu den intelligentesten Koepfen des FBI." antwortete Masters und startete seinen Wagen.
Scully nahm auf dem Beifahrersitz Platz und registrierte, wie sich Mulder auf die Rueckbank zwaengte: "Sie wissen aber doch garantiert, dass wir ...naja, wie soll ich es sagen... eher aussergewoehnliche Faelle bearbeiten."
Masters lenkte seinen Wagen auf die Hauptverkehrsstrasse und laechelte. Ein trauriges Laecheln, registrierte Scully.
"Ich weiss ueber Sie bescheid, keine Sorge, aber genau deshalb habe ich Sie ja angefordert."
"Weil Sie wissen, welche Art von Faellen wir bearbeiten?" fragte Mulder nun erstaunt nach.
"Sicher. Und der Fall, an dem ich arbeite, wird Sie garantiert interessieren!"

 

***

 

"Weshalb will er uns das alles erst morgen erzaehlen?" Mulder behagte es gar nicht, dass Masters sie so schnell zum Hotel gebracht hatte.
"Weil wir vielleicht zu muede sind, um noch aufnahmefaehig zu sein? Mulder, sei nicht so ungeduldig, du wirst deinen UFOs und Gespenstern schon noch frueh genug nachjagen koennen."
"Du kannst mir nicht erzaehlen, dass du ueberhaupt nicht daran glaubst! Dazu hast du viel zu viel gesehen!" Mulder stemmte beide Haende neben sie an die Wand und war mit seiner Nasenspitze schon wieder viel zu nah an ihrer, waehrend er sie indirekt zurecht wies.
"Mag sein, dass ich genug gesehen habe, aber was bedeutet das schon?" laechelte sie und schluepfte unter einem seiner Arme durch.
"Hey!" Mit schnellen Schritten war er wieder neben ihr und betrat den ankommenden Fahrstuhl.
"Masters hat dich erstaunt, wieso?"
Er hatte blitzschnell das Thema gewechselt und sie damit voellig aus dem Konzept gebracht. Erstaunt sah sie Mulder an: "Wie kommst du denn darauf?"
"Nun sag schon, du hast ihn dir anders vorgestellt, oder?" entgegnete er, ohne auf ihre Frage einzugehen.
"Ja, irgendwie aelter und unattraktiver. Nicht so durchtrainiert und sportlich."
"Durchtrainiert, sportlich, attraktiv...soso..." murmelte Mulder und betrachtete ihr Gesicht eingehend.
"Lass das! Sieh mich nicht so an!"
"Was hast du dir denn vorgestellt?" hakte er nach.
Scully verdrehte demonstrativ die Augen: "Vielleicht jemanden, der eher wie Skinner aussieht oder noch aelter. Was weiss ich, jedenfalls..."
"...jedenfalls keinen so gutaussehenden Mann also. Ah ja." Er fuhr sich mit einer Hand ueber das Kinn und wirkte nachdenklich.
Scully hatte ein amuesiertes Zucken um ihre Mundwinkel, waehrend sie ihn betrachtete.

 

***

 

Tamara raekelte sich auf einem gruenen Samtbezug und betrachtet ihren Gegenueber mit glaenzenden Augen: "Willst du nicht doch zu mir kommen?"
Sie streckte ihm ihre Arme entgegen und versuchte ihn mit ihren Blicken zu locken, doch ihr Gegenueber blieb unberuehrt von dem Schauspiel, so dass sie beleidigt ihre Arme zurueck zog und sie vor der Brust verschraenkte.
"Tamara, sei vernuenftig, wir haben Wichtigeres zu erledigen!"
"Meine Guete, du hast vielleicht eine Angst vor diesem Typen. Was kann er dir schon tun? Er ist doch ein kleines Nichts!" veraechtlich begutachtete sie die vor Anspannung zitternde Hand ihres Gegenueber.
"Du wirst es noch begreifen! Er ist gefaehrlicher als irgendeine Regierung!" entgegnete dieser und zuendete sich eine Zigarette an.
"Musst du so viel rauchen? Das ist ja widerlich!" Sie verzog ihr Gesicht und wedelte mit der Hand den Rauch aus ihrer Richtung.
"Geh an die Arbeit und lass mich meine tun, okay?"
"Unterschaetze mich nicht, mein Lieber!" zischte sie gefaehrlich und ihre smaragdgruenen Augen funkelten ihn mordlustig an.
Er blies den Rauch in die Luft und lehnte sich laessig an die Wand, ihre Reaktion geflissentlich ignorierend: "Ich unterschaetze niemanden, vorallem nicht Fox Mulder!"

 

***

 

"Sind wir hier richtig?" Mulder liess seinen Blick die Etage rauf und wieder runter gleiten.
"Wir haetten auf Masters warten sollen, dann wuerden wir hier nicht wie bestellt und nicht abgeholt da stehen!" kommentierte Scully und lehnte sich seufzend an die Wand hinter sich.
"Meine Guete, Scully, wer beginnt denn schon um 9.00 Uhr morgens mit der Arbeit?"
"Ich weiss, du nicht. Du beginnst entweder mitten in der Nacht oder erst mittags!" seufzte sie und betrachtete beilaeufig die Tuerschilder.
"So schwer kann das Buero von einem Assistant Director doch nicht zu finden sein?" schimpfte er und eilte zum zigsten Male den Gang rauf und runter.
"Vielleicht finden wir es nicht, weil wir falsch suchen," entgegnete sie und stiess sich von der Wand ab, um auf ein Zimmer mit der Aufschrift 'Secretary AD' zu zusteuern.
"Wie waer's hiermit?" mit einer einladenden Handbewegung praesentierte sie die Tuer und betrat das Buero. Mulder folgte ihr und prallte gegen sie, als sie ploetzlich stoppte.
"Was...?"
"Mulder, ich denke, wir sollten lieber auf Masters warten," fluesterte Scully und ging in die Hocke um die Blutspuren am Boden genauer zu betrachten. Sie waren eingetrocknet, aber irgendwas sagte ihr, dass sie noch nicht sehr alt waren.
"Ich denke, das sollten Sie!" vernahmen beide und drehten sich zu Masters um, der den Raum hinter ihnen betrat. Seine Stimme klang, als ob er eine Wutausbruch hinter sich hatte und seine ganze Haltung hatte sich im Gegensatz zum Vortag veraendert.
"Was geht hier vor, Masters? Und erzaehlen sie uns endlich die ganze Geschichte!" fuhr Mulder ihn an.
"Mulder, bitte!" hielt Scully ihn zurueck. Sie sah die Traurigkeit auf Masters´ Gesicht, waehrend er die Blutflecken betrachtete. Irgendwas stimmte hier nicht, das war kein 'normaler' Fall im Sinne von Paranormal o. ae.
Sie folgten ihm in sein Buero, neugierig wartend, welche Erklaerung er parat hatte.
"Setzen Sie sich." Er deutete ihnen an, Platz zu nehmen und reichte Mulder die Akte.
"Sie war meine Sekretaerin," begann er und musste schlucken.
"Sie hat mir bei dem Fall geholfen - Natascha war eine Seele von einem Mensch. Vermutlich hat man sie wegen ihrem Wissen umgebracht."
"Natascha Duncan?" Mulder blickte von der Akte auf und sah, dass sein Gegenueber Schwierigkeiten hatte, seine Gefuehle unter Kontrolle zu halten.
"Ja, Natascha..."
Mit aufgewuehlten Gefuehlen, die in seinem Inneren tobten, versuchte er seinen Blick aus dem Fenster zu richten.
"Kann es sein, dass Miss Duncan mehr fuer Sie..." begann Scully.
"Ja, sie war mehr fuer mich!" schluckte Masters.
Scully und Mulder sahen sich an. Ihr lief ein kalter Schauer den Ruecken hinunter.
Mulder fand seine Fassung als erster wieder und raeusperte sich: "Sir, kann es sein, dass sie vielleicht umgebracht wurde, weil sie mit Ihnen..., weil Sie..."
Mulder mochte das Vermeintliche nicht aussprechen.
"Das...," Masters versuchte ueber seine Gefuehle die Kontrolle wiederzuerlangen, "...das war auch meine erste Vermutung, aber ihre Erklaerungen fuer den Fall waren so klar, so logisch - wie sie selbst in ihrem Denken..."
Mulder liess seinen Blick kurz zu Scully schweifen und ueberdachte die Aehnlichkeiten...

 

***

 

Mulder reichte Scully einen Hotdog und fuhr in seiner Analyse fort: "Wir haben also den Diebstahl von auslaendischem Forschungsmaterial, einen Mord an einem Agenten sowie dessen verschwundene Dateien, einen Massenmord an einem Konzernvorstand und den Mord an einer FBI-Sekretaerin, die angeblich zu viel wusste."
"Mh, vergiss den Mord an diesem Baenker und seiner Frau nicht und den weiteren Diebstahl," ergaenzte Scully kauend.
"Was wurde eigentlich beim letzten Raub gestohlen?" murmelte Mulder in seinen Hotdog.
Hastig blaetterte Scully in ihrer Aktenkopie und stockte erstaunt.
"Es wurden Zigaretten geklaut, ueber 300 Packungen Zigaretten! Was zum Teufel..."
"Dann kann nur der Krebskandidat dahinter stecken," feixte Mulder, waehrend er sich das letzte Stueck seines Hotdogs in den Mund schob.
"Nein, mal ganz ehrlich, wie sagte Masters, der letzte Raub muss nicht unbedingt etwas mit den anderen Morden und Diebstaehlen zu tun haben," erwiderte Scully auf Mulder's Kommentar mit einem Kopfschuetteln.
"Welche Marke wurde denn geklaut?" Mulder versuchte in die Akte zu schielen.
"Morleys... Mulder! NEIN!" zischte Scully und klappte die Akte ganz schnell wieder zu.
Er schmunzelte und leckte sich genüßlich die Finger ab, an denen noch Reste der Hotdog-Soße klebten. Daraufhin strafte sie ihn mit einem ihrer patentierten Blicke, den er wiedermal geflissentlich ueberging.
"Aber warum in aller Welt seine Sekretaerin?" gruebelte Mulder auf den eigentlichen Fall wieder eingehend.
"Sie war der Wahrheit vielleicht mit ihren Ausfuehrungen naeher gekommen, als sie vermutete und deshalb hat man sie umgebracht." erlaeuterte Scully und blickte gen Himmel, wo sich dunkle Wolken zusammenbrauten.
"Aber wer wusste von ihren Ausfuehrungen? Doch nur Masters! Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er die Frau, die ihm was bedeutet umbringt oder umbringen laesst," wog Mulder die Wahrscheinlichkeiten ab.
"Ich auch nicht. Also muss noch jemand davon gewusst haben, aber wer?" entgegnete sie und wischte sich die Haende an einem Tuch ab, die Akte unter den Arm geklemmt.
"Vielleicht verschweigt uns Masters etwas?"
"Denkst du das wirklich?" Ihre Augen blickten ihn fragend an.
"Vielleicht unbewusst. Wer weiss, es kann doch sein, dass er ein paar Fakten als belanglos abtut oder etwas vergessen hat," schlussfolgerte er.
"Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Wenn auch sein Buero einem kleinen Chaos glich - wobei ich anmerken moechte, dass das bei dir auch staendig der Fall ist und ich dich trotzdem nicht fuer schlampig halte - so vermute ich in ihm eine sehr korrekte Person, was Daten und Fakten angeht," erlaeuterte sie und bedachte ihren Partner mit einem vielsagenden Blick.
"Gewonnen!" entgegnete er und nahm dankend das Papiertuch seiner Partnerin an, um sich die Finger abzuwischen.
"Irgendwie war Masters heute veraendert." Scully zog ihren Mantel enger zusammen.
"Er wirkte auf mich, wie... wie..." sie fuhr sich nachdenklich durchs Haar, "Ja! Wie du, wenn du einen Fall entzogen bekommst! Exakt so!"
Mulder sah seine Partnerin abschaetzend an: "Pass auf was du sagst, meine Liebe!"
"Nein, ehrlich Mulder, er wirkte veraendert," entgegnete sie.
Nachdenklich liess er Masters Gebaren und ihr Gespraech Revue passieren, doch er musste Scully zustimmen. Irgendwas war geschehen vor ihrem Gespraech. Masters hatte noch am Vorabend grosse Andeutungen gemacht, doch bei ihrem Gespraech nur wenige Stunden zurueck, war er sehr spaerlich mit Informationen gewesen.
Sie schritten eine Weile schweigend nebeneinander her und ueberdachten ihre eigenen Schlussfolgerungen zu diesem Fall. Und es schien fast wie Gedankenuebertragung, als sie sich ploetzlich gleichzeitig die identische Frage stellten:
"Und wo ist der Aspekt des Falles, der ihn dazu veranlasste uns zu holen?"

 

***

 

"Meine liebe Miss Vermont, Sie sollten nicht den Klang eines so wunderbaren Instrumentes unterschaetzen," floetete der Antiquitaetenhaendler in das Ohr seiner Kundin.'
Diese hatte jedoch zum Leidwesen des Haendlers nur Augen fuer einen aeusserst schlichten und relativ wertlosen Spazierstock.
"Nein, Miss Vermont, das kann nicht ihr Ernst sein! Ich bitte Sie, dieses unbedeutende Stueck Holz kann fuer eine solch anspruchsvolle Dame, wie Sie es sind, nicht von Interesse sein!"
"Mein lieber Bernard, diesen Spazierstock oder gar nichts! Hoeren Sie auf zu debattieren."
Er loeste den Stock aus seiner Halterung und reichte ihn seiner Kundin, die diesen mit geschultem Auge ueberpruefte: "Ja, durchaus, dies ist der Richtige."
Sie reichte ein Buendel Geldscheine an den Haendler und verliess das Antiquariat mit einem siegessicheren Laecheln.
Keine drei Strassen weiter stieg sie in einen roten Sportwagen und streifte sich die Peruecke von den Haaren.
"Ey, was haben wir denn da?!" laechelte sie und oeffnete mit Brachialgewalt den Griff des Stockes, um ein kleines, noch nicht sehr altes Schriftstueck mit Formeln zu entnehmen.
"Danke!" ertoente es hinter ihr.
Erschrocken wirbelte sie herum und sah in ein ihr vertrautes Gesicht.
"Verdammt, du sollst mich nicht so erschrecken!" fauchte sie und ihre smaragdfarbenen Augen leuchteten wieder mal wuetend.
"Du solltest dich daran gewoehnen, dass ich ungesehen komme und gehe, Tamara."
Sie reichte ihm das Schriftstueck und starrte auf den rotgluehenden Punkt der Zigarette, der ihr als einzige Orientierungshilfe zur Verfuegung stand. Ihr Auftraggeber zog es vor sich ins Dunkle zurueckzuziehen.
"Wofuer brauchst du all diese Dinge? Es erscheint mir ein wenig zusammenhanglos."
"Das musst du nicht wissen!" entgegnete er mit eisiger Stimme, die sie dazu veranlasste, nicht einmal mehr darueber nachzudenken.
"Welche Auftraege hast du nun fuer mich?"
Ihre Stimme war ein weiches harmonisches Saeuseln, welches so ziemlich jeden Mann um den Verstand gebracht haette, doch ihr Gegenueber blieb voellig unbeeindruckt.
"Schaff Masters aus dem Weg!"
"Den blonden Huenen?" sie seufzte ein wenig enttaeuscht, hatte er ihr doch recht gut gefallen.
"Tu einfach deine Arbeit!" kam die Stimme aus dem Dunkeln und als Tamara sich ein weiteres Mal nach ihm umsah, war ihr Auftraggeber spurlos verschwunden.

 

***

 

"Die These von Miss Duncan," rekonstruierte Scully, "lautete, dass all diese Morde und Diebstaehle - bis auf den Zigarettendiebstahl - stattfanden, weil ein Auftrag des Vorstandes der Firma Ekko Tech bestand."
"Was stellt Ekko Tech eigentlich her?" fiel Mulder ihr ins Wort.
Sie waren zurueck ins Hotel gekehrt und hatten die Akte in Scully's Zimmer auf dem kleinen Abstelltisch ausgebreitet. Scully machte sich unentwegt Notizen, waehrend Mulder es lieber vorzog, Scully dabei zu beobachten. Eigentlich ein ganz normaler Tag, doch er spuerte, dass irgend etwas nicht in Ordnung war.
Mit einer fahrigen Bewegung fuhr Scully sich die Haare aus der Stirn und blaetterte wahllos in der Akte.
Mulder hatte sie selten so durcheinander erlebt. Selten? Nein, eher nie.
"Scully, was ist los mit dir?"
Vorsichtig plazierte er seine Hand auf ihrer.
Sie sah den besorgten Blick in seinen Augen und entzog ihm besagte Hand: "Mir geht es gut!"
"Das sehe ich," seufzte er, klappte die Akte zu und rueckte mit seinem Stuhl naeher an ihren, "nun tu nicht so beherrscht, dich quaelt doch irgendwas. Sollen wir eine Pause machen?"
"Mir geht es gut, Mulder!" fuhr sie ihn an, zuckte aber unter der Heftigkeit ihrer eigenen Worte zusammen.
"Deine Mutter?" riet er und schien ins Schwarze getroffen zu haben. Scully wirkte als waere ihr Herz stehen geblieben.
"Woher..." stockte sie, waehrend sie versuchte seinem Blick auszuweichen.
Er legte seinen Arm um ihre Schulter und legte eine Hand unter ihr Kinn, um ihren Kopf anzuheben, damit sie ihn wieder ansehen musste.
"Dana, wir arbeiten schon so lange zusammen, warum glaubst du immer noch, mir irgendwas verheimlichen zu koennen, wenn es um dein Gefuehlsleben geht?"
<Und wie ich das kann!> schoss es ihr durch den Kopf, doch sie widersprach ihm nicht, sondern lehnte sich nur an seine starke Schulter, eingelullt von seiner sanften Stimme.
"Erzaehl mir doch endlich was los ist!" versuchte er sie aus ihrer Reserve zu locken, hatte aber mal wieder keinen Erfolg. Wenn sie sich vornahm, etwas fuer sich zu behalten, hatte er keine Chance, es aus ihr herauszubekommen.
"Nun gut," sie richtete sich wieder auf und versuchte das angenehme Gefuehl von Geborgenheit abzustreifen, welches sie in seinen Armen verspuert hatte.
"Ekko Tech ist eine der fuehrenden Forschungszentren im Bereich Computer und Microchips, 1986 gegruendet und innerhalb weniger Jahre zu einem der marktfuehrenden Unternehmen gestiegen. Direkte Konkurrenz sind eigentlich nur die Japaner," zitierte Scully die Daten der Akte, waehrend sie geflissentlich den forschenden Blick ihres Partners zu ignorieren versuchte.

"Und der Staatsbesuch? Japaner?" folgerte Mulder, liess seinen Blick jedoch weiterhin auf ihrem Gesicht ruhen. Er wuerde sie jetzt nicht weiter nach ihrer Mutter fragen, aber er wuerde es auch ganz sicher nicht vergessen.
"Himito Jukasan und seine Frau, Gaeste des Senators."
Scully fuehlte ein sonderbares Gefuehl von Nervositaet, welches sich durch Mulder's stetigen Blick nicht gerade verbesserte.
"Und die gestohlenen Dokumente waren Forschungsunterlagen, stimmt's?" erriet er.
"Bingo! Und Agent Bricks war auf den Diebstahl angesetzt," ergaenzte Scully seine Ausfuehrungen.
"Halten wir das mal fest: Das stiehlt ein geheimnisvoller Fremder japanische Forschungsergebnisse, bringt den ermittelnden Agenten um, da dieser vermutlich zuviel weiss und erschiesst anschliessend den gesamten Vorstand von Ekko Tech, jedoch nicht, ohne das Geld fuer den Auftrag einzustecken."
"So sieht es aus, Mulder, dennoch, warum stiehlt der Moerder erst die Unterlagen im Auftrag fuer Ekko Tech und bringt dann die Mitglieder um? Soweit ich weiss, sind die Forschungsunterlagen nicht wieder aufgetaucht, was ja bedeuten wuerde, dass der Moerder diese Unterlagen noch hat."
"Wobei wir bei der Frage sind, was er damit will," seufzte Mulder im Aufstehen.
"Ich wuerde vorschlagen, wir fahren zu Ekko Tech!" entgegnete sie waehrend des Aufstehens und reichte ihm seine Jacke.

 

Das Ekko Tech Gebaeude lag ein wenig ausserhalb von New York City. Mit seinen beeindruckend grossen Buerotuermen und dem schmalen Zwischenbau, der - aehnlich einer Bruecke - etwa in der 3. Etage begann, in etwa der 7. endete und dessen schillernde Glasfront das Licht in jeglichen Farben reflektierte, strahlte das Hauptgebaeude einen Flair von Macht aus.
"Guten Tag, wir moechten zum Vorstandssekretariat," erklaerte Mulder der Empfangsdame, waehrend Scully sich in der Empfangshalle ein wenig umsah.
Zu ihrem Erstaunen, hingen Bilder mehrerer diverser bekannter postmoderner Kuenstler an den Waenden, Ledergarnituren luden zum Hinsetzen ein, Marmor bedeckte den Fussboden und kleine Laempchen in der Decke, vermittelten den Eindruck eines Firmamentes.
"Wir muessen in den 18. Stock," raeusperte sich Mulder direkt neben ihrem Ohr.
Sie zuckte ein wenig erschrocken zusammen, fasste sich aber wieder und folgte ihrem Partner zu den Fahrstuehlen.
"Und?" sie erwiderte seinen desinteressierten Gesichtsausdruck.
"Mrs. Dears erwartet uns in ihrem Buero, aber ich glaube, sie ist nicht gerade erbaut ueber ein Gespraech mit uns."
"Waere ich wahrscheinlich auch nicht!" murmelte Scully und stieg in den anhaltenden Fahrstuhl. Mulder folgte ihr.
"Hast du die Ausstattung des Eingangsbereiches einmal genauer betrachtet?" Scully's Augen glaenzten.
"Hey, du kannst spaeter ja unsere Wohnung ebenso einrichten, wenn es dir gefaellt!" griente er, bereits auf ihren patentierten Blick oder einen Knuffer in die Seite wartend.'"Nein, danke! Das muss ich mir nicht antun!" erwiderte sie verschmitzt laechelnd und mit einem Seitenblick auf Mulder.
"Was, das Einrichten oder die gemeinsame Wohnung?" forschte er nach, waehrend er den Knopf fuer die 18.te Etage betaetigte.
Sie setzte ein breites Laecheln auf und schwieg. Sollte sich ihr Partner ruhig ueber ihre Aussage den Kopf zermartern - und das wuerde er garantiert, dachte sie amuesiert.
"Scully, komm schon, rueck mit der Sprache raus!" draengte er, ploetzlich wie auf heissen Kohlen.
Sie schwieg weiter und ihr Laecheln ging in ein unverschaemt amuesiertes Grinsen ueber, waehrend sie die Leuchtziffern der Etagenanzeige betrachtete.
"Das kannst du mir jetzt nicht antun!" empoerte sich Mulder ungeduldig, erhielt jedoch keine Antwort, da der Fahrstuhl in diesem Augenblick hielt und sie aussteigen mussten.
Er war bedacht, seiner Partnerin keinen Schritt von der Seite zu weichen, bis er eine Antwort erhielt, wusste aber, er wuerde viel Geduld aufbringen muessen bis das geschah.
"Mrs. Dears?" Scully steuerte auf eine vornehme Dame von schaetzungsweise 50 Jahren zu, die sie mit finsteren Blicken bedachte.
"Sind Sie die Agenten vom FBI?"
Mulder hatte noch nie so viel Desinteresse und Abneigung in einer Stimme vernommen, wie von dieser Person.
"Agent Dana Scully," sie reichte Mrs. Dears ihre Hand zum Gruss, "und das ist mein Partner, Agent Fox Mulder."
Die Sekretaerin ignorierte Scully's Hand hochmuetig.
"Mrs. Dears, erzaehlen Sie uns bitte, was an dem besagten Tag geschehen ist," begann Mulder ohne Umschweife, da er nicht gedachte sich laenger mit dieser unfreundlichen Person abzugeben.
"Fragen Sie Ihre Kollegen vom FBI! Ich sehe mich nicht genoetigt, Ihnen nochmals alles zu erzaehlen," sprach sie und drehte den beiden Agenten den Ruecken zu.
"Mrs. Dears," Mulder sah sich genoetigt, ihr hinterher zu rufen, "koennen wir mit jemandem aus der Fuehrungsebene sprechen?"
"Tut mir leid, Mr. Malder..."
"Mulder, Mam!" korrigierte er sie.
"Unser Vorstand ist leider tot!" Sie war Mulder einen Blick zu, der Scully's Patentblick Konkurrenz haette machen koennen, ehe sie sich wieder abwandte.
"Aber fragen Sie Agent Masters mal nach Peter Owens!" fuegte sie im Gehen hinzu. Scully war bereits im Fahrstuhl und hoerte es schon nicht mehr, Mulder jedoch drehte sich noch einmal erstaunt zu Mrs. Dears um.

 

***

 

Muede reichte Scully den Hamburger an Mulder weiter.
"Mam und hier ist Ihr Salat!" floetete die Kellnerin, bedachte Mulder mit einem zuckersuessen Laecheln, ehe sie sich zum naechsten Kunden aufmachte.
Gelangweilt und muede stocherte Scully in ihrem Salat herum und beobachtete Mulder's Bemuehen, seinen Hamburger ohne zu kleckern zu verspeisen.
"Kmeinen Hmunger?" nuschelte er und begutachtete ihren spaerlichen Salatteller.
Erschoepft schuettelte sie den Kopf und schob den Teller von sich.
"Was ist denn nun mit deiner Mutter und dir?" hakte er nach und hoerte das zischende Geraeusch, als Scully die Luft tief einsog.
"Meine Guete, kannst du Gedanken lesen?" murrte sie, den Blick immer noch auf ihren Teller gerichtet.
"Du laeufst jetzt schon seit 2 Tagen mit einem Gesichtsausdruck herum, dass man das Fuerchten bekommen koennte, es bedarf wirklich nicht viel Hellseherei," brummte er zurueck.
"Entschuldige bitte!" zischte sie und richtete sich auf, um den Tisch zu verlassen, doch Mulder hielt sie am Arm fest und drueckte sie wieder auf die Bank:
"Erzaehl endlich was los ist!"
"Ein alberner Streit, mehr nicht!" seufzte Scully und zog ihren Teller wieder zu sich, um erneut im Salat herum zu stochern.
"Dann wuerdest du dich nicht so auffuehren!" entgegnete Mulder und nahm ihr die Gabel aus der Hand.
"Ich habe mich mit ihr ueber Dich gestritten," antwortete sie schliesslich mit einem tiefen Seufzer.
"Ueber mich?" Mulder's Augenbrauen hoben sich.
"Ja, verdammt!" entfuhr es Scully.
"Verdammt?" Mulder stutzte, kannte er doch solche Ausdruecke gar nicht von ihr.
Sie eroberte ihre Gabel zurueck und schuettelte genervt den Kopf:
"Mulder, willst du mich in den Wahnsinn treiben?"
"Weshalb? Ich meine, was war der Grund eures Streits?" Mulder fuehrte das Spiel fort und holte sich ihre Gabel zurueck.
"Wir haben uns ueber deine Ansichten gestritten," gab sie bereitwillig zu und betrachtete sehnsuechtig ihre Gabel, denn nun haette sie das Gespraech lieber beendet und ihren Salat gegessen. Sie konnte sich naemlich noch sehr gut an ihre Unterhaltung mit ihrer Mutter erinnern und dabei war es nicht nur um Mulder's Ansichten gegangen.
"Und?" forschte er nach.
Ihm war klar, dass er sie auf eine Probe stellte.
"Na was schon," sie verdrehte die Augen, "sie hat wie immer deine Partei ergriffen!"
Mit einem schnellen Griff hatte Scully ihre Gabel wieder zurueckerobert und etwas von dem Salat aufgespiesst. Mulder's enttaeuschter Blick entging ihr.

 

***

 

"Ich begreife das nicht so ganz!" Scully schuettelte verwirrt den Kopf.
Masters nickte zustimmend, entgegnete jedoch: "Ich verstehe Ihre Skepsis, aber das waren Anweisungen von hoechster Ebene. Warum es dabei mich traf... weiss der Himmel! Ich habe meine Arbeit begonnen und keine Fragen gestellt."
"Ja, es gibt manchmal Anweisungen, da koennte man meinen, alles waere infiltriert mit Verschwoerern..." brummte Mulder leise vor sich hin.
Masters sah ihn fragend an und Scully sah sich mal wieder gezwungen, Mulder's Kommentar zu ueberspielen: "Egal, was fuer Gruende es gab oder welchen Umstaenden ueberhaupt wir es zu verdanken haben, dass wir diesen Fall bearbeiten, es wird Zeit, dass wir einen Schritt weiterkommen."
Scully und Mulder hatten sich noch einmal mit Masters zusammengesetzt, um den Fall zu besprechen, doch bisher hatte sich fuer beide Parteien nichts neues ergeben.
"Sagen Sie, Masters, ist Ihnen vielleicht etwas entgangen, eine Tatsache, die uns vielleicht weiterhelfen koennte?" griff Mulder seine Vermutungen wieder auf, nicht ohne einen Hintergedanken an die Worte der Sekretaerin von Ekko-Tech.
Scully bedachte ihn mit einem ihrer patentierten Blicke - hatte sie ihm nicht erst zu verstehen gegeben, dass Masters nicht der Mann war, der Hinweise unterschlug.
"Gab es Zeugen, die nicht in die Akte aufgenommen wurden, irgend etwas, was uns auch nur ansatzweise weiterhelfen koennte," draengte Mulder weiter, Scully's Blick gekonnt ignorierend.
"Mulder, bitte!" versuchte Scully ihn zum Schweigen zu bringen.
"Ja, Peter Owen, Vorstandsmitglied und Leiter der Forschungsabteilung bei Ekko Tech ueberlebte den Anschlag schwer verletzt. Er starb wenige Stunden nach dem Attentat im Krankenhaus auf ungeklaerte Weise," gab Masters ein wenig geknickt und ohne Zoegern zu.
"Wie bitte?" entfuhr es Scully in einem zuhoechst erregtem Tonfall.
"Konnten Sie ihn noch verhoeren?" Mulder's Stimme war nun, da feststand, dass man ihnen Informationen unterschlagen hatte, wesentlich energischer geworden.
"Jain," seufzte Masters.
"Was heisst das?" Mulder stemmte beide Haende auf Masters Schreibtisch und sah ihm mit einem forschenden Blick an.
"Er hat etwas von einer mysterioesen Frau gefaselt. Er lag im Delirium."
Masters machte eine wegwerfende Handbewegung: "Sie solle unsagbare Kraefte haben und sei schier unverwundbar, aber, hoeren Sie, es handelte sich um Wahnvorstellungen eines im Sterben liegenden Mannes."
"Warum haben Sie uns diese Hinweise verschwiegen?" fuhr Mulder ihn wuetend an.
Scully hatte die Arme vor der Brust verschraenkt, sie war fassungslos! Sie beobachtete Masters Reaktionen auf die Fragen ihres Partners mit Adleraugen - was hatte diesen Mann nur so veraendert? Waren da am Vortag noch Impulsivitaet, der Drang, den Fall zu klaeren und Motivation gewesen, so spuerte sie nun nur noch Zurueckhaltung, Desinteresse und Abneigung.
"Sie haben doch gesagt, der Fall wuerde in unseren Zustaendigkeitsbereich fallen und nun verschweigen Sie uns die eigentlich wichtigen Fakten? Masters, was geht hier vor?"
Mulder kochte innerlich.
"Hoeren Sie, ich haette Ihnen das gar nicht erzaehlen duerfen, ja? Also hoeren Sie auf mir Fragen zu stellen," zischte Masters und griff in eine Schublade, um eine Akte hervorzuholen.
"Das hier sind Kopien der Unterlagen ueber die Vernehmung von Peter Owen."
Er packte die Akte vor Mulder auf den Tisch. Als Mulder das Dokument an sich nehmen wollte, legte Masters beschwoerend eine Hand darauf:
"Sie haben dieses Dokument nie erhalten, verstanden?"
"Wer?" Mulder sah ihn beschwoerend an.
Scully zog Mulder am Aermel, dessen wuetenden Gesichtsausdruck ignorierend und nickte Masters zu. Sie hatte verstanden und ehrlich gesagt, wollte sie auch gar nicht wissen, wer die Anweisung gegeben hatte, ihnen diese Informationen vorzuenthalten.
"Lass ihn in Ruhe," zischte sie an ihren Partner gerichtet, an Masters hatte sie jedoch noch eine Frage, "Warum geben Sie uns diese Informationen, wenn Sie dadurch in Gefahr geraten?"
"Natascha..." seufzte er.
Scully reichte diese Begruendung und sie verliess mit Mulder das Buero.

 

***

 

Mit einem langgezogenem Seufzer liess sich Scully auf das Bett in ihrem Hotelzimmer fallen. Ihre Schuhe purzelten einer nach dem anderen auf den Fussboden.
Es war bereits Dienstagabend und sie hatten nur noch bis Freitag Zeit, den Fall aufzuklaeren. Wie sollten sie das nur schaffen?
Ein leises Klopfen erklang von der Tuer her. Sie wusste, es war Mulder, doch sie verspuerte nicht den Drang aufzustehen und ihn hereinzulassen.
Schliesslich raffte sie sich dennoch auf und oeffnete ihm die Tuer. Er sah ebenso muede aus wie sie.
"Hallo Kollegin," begruesste er sie mit einem warmen Unterton in der Stimme.
"Hi, Kollege," entgegnete sie mit einem mueden Laecheln und nahm ihm die Akte ab, die er ihr entgegen reichte.
"Peter Owen hat... ach, ganz ehrlich, ich habe keine Lust, heute abend noch an dem Fall zu arbeiten." Er fuhr sich ueber seine Stoppeln.
Scully hatte gerade ganz fasziniert Mulder's unrasiertes Kinn betrachtet und richtete ihren Blick nun erstaunt auf seine Augen:
"Was hast du? Keine Lust? Mulder?"
"Haettest du denn Lust, mit mir was trinken zu gehen?" fragte er, seinen Treue-Hunde-Blick aufgelegt.
"Na ja, was spricht eigentlich dagegen?" Sie zuckte mit den Schultern.
"Nichts!" schmunzelte er, ihre Versuche, in ihre hochhackigen Schuhe zu steigen beobachtend.
Es lief alles darauf hinaus, dass sie ihr Gleichgewicht verlieren wuerde.
Mulder trat wie auf Stichwort einen Schritt zur Seite und fing sie auf. Scully sah ihn mit grossen Augen an.
Einen kurzen Moment spaeter wandt sie sich ungeschickt aus seinen Armen.
"Mh... ja.... also danke."
Er steckte seine Haende in einer verlegenen Geste in seine Hosentaschen: "Dafuer nicht!"
"Ich muss mich eben noch..." er fuhr sich mit der Hand ueber seine Bartstoppel.
"Ach was! Ich geh auch so mit dir los!" fuhr sie ihm dazwischen und griff sich ihren Mantel.

 

***

 

Joe´s Sunrise Cocktails - Scully fand absolut nicht, dass hier die Sonne aufging. Sie konnte nicht genau sagen, was es war, aber diese kleine Bar hatte trotzdem ein gewisses Etwas. Vielleicht war es aber auch nur die Tatsache, dass sie hier mit Mulder sass und das ausnahmsweise mal privat.
"Dieser Fall ist sehr merkwuerdig!" begann er und nahm einen Schluck aus seinem Glas.
Sie betrachtete den Inhalt ihres Glases.
"Diesmal musst du doch auch spueren, dass da etwas mehr hinter steckt," redete er weiter.
"Mehr?" fragend blickte sie auf.
"Eine Verschwoerung!" platzte es aus ihm heraus, "Ueberleg doch mal, wieso hat Masters ploetzlich Anweisung, Beweismittel verschwinden zu lassen!?"
Sie zuckte mit den Schulter, auch wenn ihr das nicht so gleichgueltig war, wie sie tat.
"Wollten wir den Fall nicht fuer einen Abend hinter uns lassen?"
Sie prostete ihm zu und nahm einen kleinen Schluck ihres Bieres.
Mulder betrachtete sie amuesiert. Scully ein Bier trinken zu sehen, war kein alltaeglicher Anblick und irgendwie fand er es interessant.
Zur Abwechslung hatte sie ihren Blazer abgelegt, ihre Bluse trug sie etwas offenherziger und ihre ganze Haltung war entspannt und locker. Es war doch erstaunlich, wie das einen Menschen veraendern konnte.
Er griff sich ebenfalls sein Bier und prostete ihr zu. Vielleicht war es ganz gut, mal nicht ueber den Fall zu sprechen. Er regte sich viel zu schnell auf.
Sie schenkte ihm ein erschoepftes, dennoch bezauberndes Laecheln, waehrend sie ihm versuchte klar zu machen, dass er etwas Schaum an der Oberlippe hatte.
Er begriff nicht, was sie ihm andeuten sollte und kaum hatte er sich versehen, wischte sie ihm den kleinen Schaumbart selbst fort.
Mulder erstarrte in seiner Haltung, als ihre Finger sein Gesicht beruehrten und blickte ihr tief in die Augen. Auch Scully schien wie gebannt.
Mit einer sanften Geste nahm er ihre Hand und gab ihr einen Kuss auf die Innenflaeche. Scully zuckte zusammen.
"Du hast mich mal wieder vor einer Blamage gerettet!" bekannte er ploetzlich mit einem humorvollen Unterton.
"Mal wieder!" uebernahm sie seinen humorvollen Unterton und entspannte sich sichtlich. Mit einem beschwoerenden Blick richtete sie sich wieder an ihn:
"Dafuer bekomme ich aber mein naechstes Getraenk von dir spendiert!"
Er nickte und winkte den Barkeeper herbei.
"Aehm, Mulder..." raeusperte sie sich.
"Ja?" erstaunt sah er sie an.
"Wuerdest du jetzt meine Hand loslassen?" Sie zerrte ein wenig an ihrer Hand, um ihm verstaendlich zu machen, dass er sie noch immer fest hielt.
"Oh..."
"Ich bin mal kurz..." Sie machte eine fluechtige Geste mit ihren Haenden Richtung Toiletten als sie wieder frei war und zog von dannen.
Mulder blickte ihr hinterher und begutachtete ihre Rueckseite, als sich ploetzlich eine grazile Bruenette zwischen sein Blickfeld und Scully draengte.
Langsam liess er seinen Blick aufwaerts zu ihrem Gesicht gleiten, bis er schliesslich in ein gruenes Paar Augen blickte.
<Smaragde!> war sein erster Gedanken.
"Darf ich mich setzen?" Ihre Stimme hatte einen rauchigen, sehr erotischen Touch.
"Gerne!" raeusperte sich Mulder und begutachtete das wunderschoene Paar Beine, als sie sich neben ihm auf dem Barhocker niederliess und diese uebereinander schlug.
"Rauchen Sie?"
Sie zog ein kleines Silberetui aus ihrer Handtasche und sah ihn auffordernd an.
"Nein."
Er blickte sie fasziniert an, ihr ganzer Koerper schien eine einzige Herausforderung zu sein.
"Einen Bourbon bitte!" raunte sie dem Barkeeper zu und widmete sich dann wieder Mulder zu.
Dieser hatte hinter der Unbekannten Scully entdeckt und ihren fragenden Blick registriert.
Sie umrundete die beiden und setzte sich wieder auf ihren Barhocker. Mulder's Blick folgte ihr. Angenehm erheitert registrierte Scully, dass er sie anstarrte und die huebsche Asiatin links liegen liess.

 

Tamaras Augen funkelten. Welch ein Mann. Doch wer war die pruede Rothaarige neben ihm? Konnte sie ihr gefaehrlich werden? Wohl kaum.
Sie merkte, dass sie sich getaeuscht hatte, als das Zielobjekt ihrer Begierde ploetzlich nur noch Augen fuer die kleine unscheinbare Rothaarige hatte.
Wut entbrannte in ihr.
Erst hatte sie bei diesem Masters keine Chance gehabt, weil ihr seine Sekretaerin, dieses blonde Miststueck im Wege war. Tamaras Mundwinkel zuckten. Na, das hatte sich schon erledigt.
Und nun lief sie bei diesem Mannsbild gegen eine Mauer.
Diese Rothaarige war also doch nicht zu unterschaetzen. Ihre Wirkung auf diesen Mann war wesentlich staerker als vermutet.
Tamara versuchte ein weiteres Mal ihr Glueck und liess ihre schlanken, grazilen Beine beim Herumdrehen auf dem Hocker rein zufaellig seinen Ruecken beruehren.
Es wirkte; er sah sich zu ihr um.
Sie warf ihm einen flammenden Blick zu und spuerte diese reizvolle Spannung, die sich zwischen ihnen aufbaute. Aber sie spuerte noch mehr.
Sie entdeckte an ihrem Gegenueber eine Eigenschaft, die sie erschaudern liess, denn es war eine ihrer eigenen Eigenschaften - er lag auf der Lauer wie eine Raubkatze. Ein ebenbuertiger Gegner fuer sie!
Wer ihn sich zum Feind machte, der wuerde einen gefaehrlichen Gegner haben, dachte sie.
Sie musste diesen Mann einfach besitzen!

 

Mulder spuerte dieses eigenartige Gefuehl von Gefahr, als er dieser Unbekannten in die Augen blickte.
Vorsichtig beugte er sich zu seiner Partnerin: "Scully, kennst du die Bruenette?"
"Nein, sollte ich? Die Asiatin meinst du, nicht wahr?" murmelte sie ein wenig muerrisch.
"Scully, eifersuechtig?" trietzte er sie.
"Wir sind weder liiert, verlobt noch verheiratet, wieso sollte ich?" entgegnete sie und rechnete mit irgendeinem Kommentar von Mulder, doch der betrachtete sie nur forschend.
Sie griff sich schnell ihr Glas und trank einen Schluck, um sich abzulenken.
"Wieso fragst du nach ihr? Wenn du sie kennenlernen moechtest, dann sprich sie an," forderte Scully ihn unverfroren auf und war auf seine Antwort gespannt.
"Nein, eigentlich habe ich nicht das Beduerfnis sie kennenzulernen. Sie ist mir sogar ein wenig unheimlich!" erwiderte er mit einem Seitenblick auf den schlanken Koerper der Asiatin.
"Unheimlich?" Scully schmunzelte, "du siehst ja auch schon in jeder Person was unheimliches!"
"Du bist mir allerdings am unheimlichsten!" flachste Mulder und spuerte unversehens Scully's Faust an seinem Oberarm.
"Autsch, hey, was hab ich dir getan?" er grinste.
"Du kannst es nicht lassen, mich aufzuziehen, nicht wahr?" zischte sie, jedoch nicht ohne einen amuesierten Ausdruck im Gesicht.
"Nein.... oh du aergerst dich immer so schoen!" lachte er, ihre Faust ein weiteresmal abwehrend.
"Ich glaube, Mulder, deine asiatische Bekanntschaft ist gegangen!" bemerkte Scully nach einem Rundumblick.
Mulder liess seinen Blick schweifen und musste Scully zustimmen. Aber es gefiel ihm irgendwie nicht. Irgend etwas merkwuerdiges wuerde noch passieren, das spuerte er ganz genau.

 

***

 

Es war dunkel in Masters Buero. Nur eine kleine Lampe auf dem Schreibtisch erhellte den Fleck, wo er sass und sich Notizen machte.
"Sie haben die Informationen fuer sich behalten?"
Er schreckte auf und blickte in die Dunkelheit.
"Ja, ich habe alle Informationen fuer mich behalten!" entgegnete er in die Dunkelheit. Er kniff die Augen zusammen und versuchte seinen ungebetenen Gast ausfindig zu machen.
Eine kleine Flamme, als sein Gast sich eine Zigarette anzuendete, erhellte dessen Gesicht schemenhaft.
Masters wusste nicht, mit wem er es zu tun hatte, aber er war sich sicher, dass derjenige sehr wichtig fuer seine Zukunft war.
"Geben sie mir die Unterlagen!"
Er sah die Hand, die sich aus der Dunkelheit zu ihm herueber streckte. Mit einem Griff in die Schublade zog er die geforderte Akte hervor und reichte sie seinem Gegenueber.
"Und nun die Kopie!" ertoente es erneut aus dem Dunkeln.
Masters zuckte zusammen. Niemand hatte von dieser Kopie gewusst, niemand ausser den beiden Agenten aus Washington, denen er die Kopie ueberlassen hatte.
Woher wusste also dieser Fremde davon?
"Welche Kopie?"
Richard Masters entschloss sich den Ahnungslosen zu spielen.
Sein Gegenueber reagierte nicht auf seine Frage und hielt weiterhin die Hand fordernd in seine Richtung.
Abermals zog Masters eine Akte aus seiner Schublade - sie war identisch mit dem Original.
Gut, dass er fuer alle Faelle zwei Kopien erstellt hatte. Niemand wuerde ahnen, dass er das zweite Exemplar bereits an die Agenten aus Washington weitergegeben hatte.

 

***

 

Er hatte dem Fremden Verschwiegenheit garantieren muessen. Was war ihm auch anderes uebrig geblieben. Er war sich ziemlich sicher, dass er nicht lebend aus seinem Buero herausgekommen waere, haette er nicht seine voellige Loyalitaet geschworen. Er wusste zwar immer noch nicht so genau, wem er das geschworen hatte, aber solange er dabei am Leben blieb, war ihm das herzlich egal.
Er kramte seinen Wagenschluessel aus der Jackentasche und versuchte das vereiste Schloss zu oeffnen.
"Richard Masters..." hauchte eine Stimme dicht an seinem Ohr.
Erschrocken wirbelte er herum und sah sich der unbekannten Asiatin gegenueber, die ihn bereits in der Bar angesprochen hatte.
"Wir hatten eine Verabredung, vergessen?" saeuselte sie und bedachte Masters mit einem koketten Blick.
Er erinnerte sich vage daran, dass er eine Verabredung hatte sausen lassen, weil er mit Natascha...
Er musste jeglichen Gedanken verdraengen. Es ging einfach nicht anders. Wiedermal wuerde er gedanklich bei ihr landen und sich Vorwuerfe machen.
"Ist Ihr Stuhl noch ganz?" laechelte seine Unbekannte und beruehrte sacht seinen Ruecken.
Die Erinnerung an diese Szene schoss abrupt in sein Gedaechtnis. Peinlich beruehrt versuchte er den Schluessel wieder ins Wagenschloss zu bekommen.
"Sie haben mich sitzen lassen!" Ihre Stimme war ein wenig veraergert, erkannte Masters.
Bestimmt aber freundlich nahm er sie beim Arm und fuehrte sie einen Meter von seinem Wagen fort: "Hoeren Sie, ich bin nicht mit Ihnen ausgegangen, weil ich etwas besseres vor hatte!"
"Besser als das?"
Sie schlang unvermittelt ihre Arme um seinen Hals und kuesste ihn mit einer feurigen Leidenschaft, der er nicht widerstehen konnte.
Laechelnd liess sie ihn wieder los und genoss ihren Triumph ueber sein Gefuehlsleben sichtlich.
Masters bekam kein Wort heraus.
"Steht unsere Verabredung wieder?" Sie blickte ihn verschwoererisch an.
"Ich..." schluckte er, zu keinem vernuenftigen Satz mehr faehig.
Mit einem weiteren Kuss zog sie ihn naeher an seinen Wagen, oeffnete geschickt die Tuer und schob ihn auf den Fahrersitz.
Verbluefft sah er sie an.
Zwinkernd reichte sie ihm seinen Schluessel, den sie - er wusste nicht wie - an sich genommen hatte.
Mit schnellen Schritten hatte sie den Wagen umrundet und auf dem Beifahrersitz Platz genommen.
Masters startete das Fahrzeug und fuhr los. Wohin und was ihn erwarten wuerde, konnte er sich nicht im geringsten ausmalen.

 

***

 

Tamara liess sich geschmeidig vom Bett herunter und wanderte mit grazilen Schritten zur Kueche.Mit einem angewiderten Ausdruck im Gesicht drehte sie den Wasserhahn auf und hielt ihre Haende unter das Wasser. Rot floss es weiter in den Abfluss.
"So ein Mist!" hoerte man sie fluchen.
"Hoer doch auf zu jammern, das haette jedem passieren koennen!"
Masters schlich sich vorsichtig um die Ecke und betrachtete den Koerper der schoenen Asiatin.
Sie bedachte ihn mit einem bitterboesen Blick. Natuerlich das haette jedem passieren koennen, aber nicht ihr. Einem Profikiller misslang einfach kein Mord!
Sie liess ihren Blick wieder auf die Stelle an seinem Koerper gleiten, wo sie ihn verletzt hatte.
"Schmerzt es sehr?" fragte sie ihn mehr maulig als wirklich interessiert. Er bemerkte ihre Wut nicht.
"Ein wenig..."
Blut quoll aus der Stelle am Nacken, wo ihn die Scherbe der Sektflasche getroffen hatten. Eigentlich haette er nicht mehr hier stehen sollen.
"Richard..." setzte sie an.
"Tamara, du kannst nichts dafuer! Und nun ruf bitte einen Arzt, ja?" entgegnete er, sie nicht zu Wort kommen lassend und drehte ihr den Ruecken zu.
Sein Fehler!
Tamara nutzte ihre Chance und griff sich das grobschlaechtige Kuechenmesser.
Sie brauchte nur zwei Schritte, stiess ihm das Messer in den ungeschuetzten Ruecken und durchbohrte ihn foermlich.Masters schnappte nach Luft. Er spuerte die kalte Klinge nach innen dringen, spuerte den unertraeglichen Schmerz in seinem Ruecken und seiner Brust.
Er konnte das nicht wirklich erleben. Mit einem entsetzten Gesichtsausdruck, unfaehig ein Wort herauszubringen, drehte er sich zu Tamara um, die das Messer wieder aus seinem Ruecken gezogen hatte und nun blutgetraenkt in ihren Haenden hielt.
"Tut mir leid Richard, ich habe meine Auftraege!" laechelte sie und zuckte mit den Schultern.
Erstaunt sah er sie an, waehrend er seine Kraft weichen fuehlte. Noch stand er aufrecht und konnte ihr in die Augen blicken.
"Ich fand es wirklich nett mit dir, aber nun folge endlich deiner reizvollen Sekretaerin!" Master hob eine Augenbraue. Sie hatte also Nataschas Tod auf dem Gewissen. Und dieser Person hatte er sich hingegeben. Jetzt wurde Masters einiges klar, doch zu spaet. Tamaras Arm schnellte vor und er spuerte zum zweitenmal das kalte Metall in seinem Koerper.
Sein Blut lief an ihm herab. Er konnte fuehlen wie all seine Waerme und Kraft aus ihm wichen.
Unter unglaublichen Schmerzen sackte er auf die Knie und hielt sich an Tamaras Beinen fest, ehe sie ein weiteres, endgueltiges Mal zustiess...

 

***

 

"Auftrag erledigt?" toente eine Stimme neben ihr.
"Masters weilt nicht mehr unter den Lebenden!" erwiderte sie muerrisch.
"Warum so unzufrieden?"
Sie wusste, er hatte weder Gefuehle noch ein Gewissen, also holte sie lieber gleich aus, statt sich auf Diskussionen einzulassen.
"Du hast mir verschwiegen, wer er ist!" Demonstrativ hielt sie eine Art Steckbrief hoch.
"Ich habe dir gesagt, er ist gefaehrlich!" zischte ihr Gegenueber, schien aber ansonsten nicht grossartig beruehrt.
Tamara schuettelte sauer ihren Kopf. Wie konnte man ihr bei solch einem Auftrag nur Informationen unterschlagen.
"Wenn du willst, dass ich in Zukunft weiter fuer dich arbeite, musst du dir ganz gewaltig was einfallen lassen. Auf diese Tour mach ich jedenfalls nicht weiter!"
Sie war in Rage, wusste nicht genau, was sie sagte. Vielleicht war es ihr auch wirklich egal. Aber auf jeden Fall hatte sie ihren Gegenueber entzuernt und so etwas durfte nicht geschehen.
Er wusste, sie war unwahrscheinlich stark und unverwundbar... zumindest noch... aber er wuerde sie noch zur Strecke bringen.
Mit einem schnellen Griff - schneller als man fuer seine Statur und sein Alter vermutet haette - hatte er eine kleine Dose hervorgezogen und deren Inhalt in Tamaras Gesicht gesprueht.
Sie war unverwundbar, lachte ihr Auftraggeber, aber nicht resistent gegen Betaeubungsgas. Ihr Koerper erschlaffte und sackte auf den Boden und aus ihrer Hand glitt das Stueck Papier, welches sie eben noch so demonstrativ in der Hand gehalten hatte.
Er hob den Steckbrief auf und betrachtete ihn. Ein fast freundlicher Ausdruck erschien auf seinem Gesicht, dann zerriss er ihn und Agent Fox Mulder's Steckbrief landete in der Kanalisation von New York...

 

***

 

"Koennte es sein, dass du einen kleinen Schwips hast?" Mulder griente breit, waehrend er seinen Zimmerschluessel herauskramte.
"Na, nicht mehr oder weniger als du?" lachte sie und liess ihren Zimmerschluessel unbeabsichtigt fallen.
Mulder ging mit ihr in die Hocke um ihn aufzuheben und ihre beider Koepfe stiessen unvermittelt zusammen. Scully kippte nach hinten weg, landete auf ihrem Allerwertesten und rieb sich die Stelle am Kopf, wo sie mit Mulder ins Gehege gekommen war. Mulder hingegen, hatte es nicht so hart getroffen, er richtete sich wieder auf und sah sich suchend nach Scully's und nach seinem Schluessel um, den er zu guter Letzt auch noch verloren hatte.
Scully hielt beide triumphierend in die Hoehe und grinste ihren Partner frech an: "Suchst du das?"
"Du!" schmunzelte er und reichte ihr seine Haende, um ihr aufzuhelfen.
Dankbar ergriff sie die dargebotenen Haende und liess sich mit einem Ruck hochziehen. Doch der Schwung war etwas zu viel und sie stolperte ueber ihre eigenen Fuesse und direkt in Mulder's ausgebreitete Arme.
"Wow, du bist heute aber stuermisch!" murmelte er mit einem verhangenen Blick und umschloss sie mit seinen Armen.
Scully hielt gespannt die Luft an.
Er neigte seinen Kopf zu ihr hinab und naeherte sich ihrem Gesicht gefaehrlich. Instinktiv schloss sie die Augen. Ihr Herz schien zu zerspringen. Sie konnte seinen alkoholisierten Atem riechen. Er war ihr sehr nah.
Mit einem Male ging eine Tuer auf dem Korridor auf und eine aeltere Dame mit Lockenwicklern schimpfte irgendetwas wie: "Habt ihr jungen Leute ueberhaupt keinen Anstand mehr?" und schlurfte wieder in ihr Zimmer zurueck.
Mulder hatte abrupt den Kopf gehoben und die kauzige Alte verwirrt angesehen, waehrend Scully an seine Brust gelehnt in ein furchtbar albernes Kichern gefallen war.
Schliesslich fiel auch Mulder in Scully's Kichern ein und drueckte sie waehrenddessen noch fester an sich.

 

***

 

"Morgen..."
Sie hoerte die verschlafene Begruessung von ihrem Partner, gedachte jedoch nicht, die Augen zu oeffnen.
Erschrocken riss sie Bruchteile von Sekunden spaeter doch die Augen auf und starrte Mulder an, der neben ihr im Bett lag und die Augen noch geschlossen hielt.
"Mulder!" entfuhr es ihr in einer sehr hohen Tonlage, waehrend sie sich das Laken um ihren Koerper schlang und aus dem Bett aufsprang.
Auch er hatte abrupt die Augen offen und starrte ihr Manoever entgeistert und schliesslich begreifend an. Auch ihn hielt nichts mehr im Bett.
"Was hast du hier zu suchen!" fluchte sie und zog das Laken um ihren Koerper noch fester.
"Moment..." er sah sich kurz suchend im Zimmer um, "das ist mein Zimmer!"
"Oh..." hauchte sie verstoert.
Als sie sich dessen bewusst wurde, dass sie ihn anstarrte, erroetete sie und blickte auf den Boden vor sich.
"Scully, ich..." Mulder brachte kein weiteres Wort heraus.
Just in diesem Augenblick klingelte sein Handy.
Er sah sie an und deutete auf seine Jacke, wo sein Handy zu liegen schien. Scully winkte ihn ungeduldig hin, war jedoch auf seine Erklaerung fuer das Ganze sehr gespannt.

 

Nachdem er das Gespraech beendet hatte, sah er seine Partnerin schluckend an.
"Was?" Sie hatte seine Reaktionen am Telefon bemerkt und wusste, dass es nichts gutes bedeuten konnte.
"Masters wurde umgebracht!"
Jetzt musste auch sie schlucken. Das war das letzte was sie zu gedenken gewagt hatte.
Sie blickte Mulder mit grossen Augen an, waehrend er auf sie zu kam: "Der Moerder scheint es auf jeden abgesehen zu haben, der mit dem Fall zu tun hat."
"Sieht so aus," murmelte er unruhig und zog Scully ohne Aufforderung in seine Arme.
Sie wollte protestieren, aber es war genau das, was sie im Moment brauchte und so schmiegte sie sich kommentarlos in seine schuetzenden Arme...

 

***

 

Es war nur eine knappe halbe Stunde seit dem Anruf vergangen, da trafen sie bereits bei Masters Wohnung ein.
Jeder andere Mord haette sie nicht so mitgenommen und getroffen, aber Masters hatten sie persoenlich kennengelernt und obwohl er von irgendwelchen Leuten unter Druck gesetzt worden war, hatten sie ihn gemocht - der eine mehr, der andere weniger.
"Agent Scully, Agent Mulder!"
Eine bekannte Stimme hinter ihnen, veranlasste sie, sich umzudrehen. Es war keine wirkliche Ueberraschung, als Assistant Direktor Skinner sich zu ihnen gesellte.
"Man sollte annehmen, die New Yorker haben ihre eigenen Leute fuer solche Sachen!" bemerkte Mulder mehr beilaeufig ohne einen Blick oder Gruss fuer seinen Vorgesetzten.
"Masters war ein alter Freund von mir!" entgegnete Skinner trocken und schritt zwischen den beiden hindurch zur Wohnungstuer.
"Es ist doch erstaunlich, wer alles mit wem befreundet, liiert oder im Bett war!" brummte Mulder und erntete dafuer Scully's patentierten Blick.
"Was?!" zischte er sie an und wurde sich dann darueber klar, dass es bei ihnen zur Zeit nicht anders aussah. Er machte eine abwehrende Handbewegung und folgte Skinner in Masters Wohnung.

 

"Aeusserst delikat!" murmelte Scully und besah sich die Leiche von Masters. Drei Stiche - ziemlich praezise gesetzt - hatten ihn vermutlich innerhalb kuerzester Zeit getoetet.
Er hatte sein Opfer gekannt, so viel stand fest. Niemanden haette er sonst so dicht an sich mit einem Kuechenmesser rangelassen.
Scully verfrachtete das Messer in eine Plastiktuete und streifte sich anschliessend die Handschuhe von ihren Haenden.
"Irgendwas wurde hier gesucht!" erklaerte Mulder mit einem Blick auf das Durcheinander in Masters Arbeitszimmer.
"Er hatte Geschlechtsverkehr bevor er starb," warf Scully ein und erhielt einen wenig ueberraschten Blick von ihrem Partner.
"Er kannte sie also." Seufzend reichte Mulder ihr eine Akte.
Als sie diese aufschlug, sah sie erstaunt zu ihrem Partner auf: "Eine Akte ueber uns?"
"Sehr interessant, nicht wahr?"
"Dein Steckbrief fehlt, Mulder!" Scully blickte ihn gross an.
"Ich fuerchte ja," erwiderte er mit einem Seitenblick auf Skinner.
Scully folgte Mulder's Blick: "Glaubst du, er hat was damit zu tun?"
Er nahm ihr die Akte wieder aus den Haenden und schuettelte den Kopf: "Nein, ich denke Skinner hat herzlich wenig mit der Sache zu tun. Die Frage ist, ob es stimmt, dass er Masters Freund war und wenn, warum er deshalb hier ist?"
Scully nickte. Merkwuerdig kam ihr das schon vor.
"Hast du das Wort gelesen, dass Masters mit seinem Blut auf den Boden geschrieben hat?" Er verzog sein Gesicht: "Wie in kitschigen Kriminalfilmen... aber clever!"
Sie zuckte mit den Schulter: "Aber was soll dieses Wort bedeuten? HANUMAN?"
"Ich weiss nicht, aber irgendwie kommt es mir bekannt vor."
"Dann finde heraus, woher es dir bekannt vorkommt!" zischte sie und sah ihrem Partner fest in die Augen, "und anschliessend klaeren wir unser kleines Fiasko!"

 

***

 

Tamara oeffnete langsam die Augen. Ihr war merkwuerdig zumute. Als sie sich versuchte aufzurichten, bemerkte sie, dass sie an irgendetwas gebunden war. Sie versuchte ihre ganze uebernatuerliche Kraft einzusetzen, aber sie schaffte es nicht, sich aus den Fesseln, die man ihr angelegt hatte, zu befreien.
"Schwierig nicht war?"
Sie hoerte diese ihr vertraute Stimme, aber sie wollte nicht glauben, dass man sie so hinter's Licht gefuehrt hatte.
"Was soll das? Binde mich los!" fauchte sie und versuchte einen Blick an sich herab zu werfen.
"Wo gedenkst du hin? Ich werde dich nicht aus deinem kleinen Gefaengnis entlassen!"
Sie sah ihren Gegenueber zum erstenmal nicht rauchen.
"Wie hast du es geschafft, mich hier festzubinden? Wieso komme ich nicht los?"
Tamara wurde klar, dass er sie in Hinsicht auf ihre Macht die ganze Zeit belogen hatte. Sie war unverwundbar und uebermenschlich stark, doch er kannte eine Moeglichkeit, ihre Kraft unter Kontrolle zu halten. Eine Moeglichkeit, von der nicht einmal sie gewusst hatte.
"Verzeih mir meine Liebste, wenn ich dir nicht verrate, wie ich dich festhalten kann, aber du wolltest wissen, was wir mit den Daten und Unterlagen wollten, die du fuer uns entwendet hast. Hoer gut zu, ich werde es dir nun erzaehlen."'
Sie schuettelte energisch den Kopf. Haette sie die Moeglichkeit dazu gehabt, haette sie sich die Ohren zugehalten. Er sprach ihr Todesurteil - soviel stand fest.
Sie wusste noch nicht, wie er sie toeten wollte, aber sie wusste, er wuerde einen Weg finden. Er wuerde ihre Unverwundbarkeit ueberwinden und vielleicht ihr Geheimnis herausfinden.
"Kuenstliche Intelligenz."
Tamara konnte durchaus etwas mit diesem Schlagwort anfangen, dennoch konnte sie nicht glauben, dass das alles sein sollte fuer das sie Menschen getoetet hatte: "Willst du mir sagen, ihr experimentiert mit einer Form von kuenstlicher Intelligenz? Bitte, ich hatte mehr erwartet!"
"Oh nein, wir experimentieren nicht mehr."
Erstaunt sah sie ihren Gegenueber an: "Wie soll ich das jetzt verstehen?"
"Wir verpflanzen die Seele eines Menschen in einen Computerchip." entgegnete er, nicht ohne einen gewissen Stolz in der Stimme.
"Und weshalb? Wollt ihr unsterblich werden? Was soll der Bloedsinn?" fauchte Tamara und versuchte sich ein weiteres Mal von ihren Fesseln zu befreien.
"Ganz einfach... es gibt eine ausserirdische Rasse..."
Tamara fiel in ein bitteres Lachen: "Das glaubst du doch nicht wirklich?!"
"Oder doch?" Ihr Lachen verklang.
"Du wirst noch sehen, warum es soviel sinnvoller ist, seine Seele in einen Computer zu speisen..." brummte er mit einem gefaehrlichen Funkeln in den Augen.

 

***

 

"Warum sind Sie wirklich hier?" Scully sah ihren Vorgesetzten forschend an.
"Masters war ein alter Freund von mir!" entgegnete Skinner und liess somit Scully's Frage unbeantwortet. "Skinner, ich glaube Ihnen nicht! Und Mulder glaubt Ihnen noch weniger!" fuhr sie fort.
"Hoeren Sie gut zu Agent Scully, ich bin hier, weil Masters mich gebeten hat hierher zu kommen, falls ihm etwas zu stoesst. Er wollte, dass ich den Fall uebernehme, da er dem Apparat ebensowenig vertraut hat wie Mulder, Sie oder ich."
Scully war ueberrascht ueber dieses Eingestaendnis.
Mulder, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, was eigentlich nicht seine Art war, brachte nun auch sein Erstaunen zum Ausdruck:
"Sie haben gewusst, dass Masters dieses Spiel nicht ueberleben wuerde, nicht wahr?"
"Nachdem er einen merkwuerdigen Besuch erhalten hatte aus einem gewissen Konsortium, rief er mich an und erklaerte, er wuerde sich nicht sicher sein, mit wem er geredet habe, aber er waere sich sehr sicher, dass diese Leute sein Leben in der Hand hielten," Skinner schuettelte bedaechtig den Kopf. Er war sich klar darueber, dass er viel zu viel verriet und selber in die Schussliste geraten konnte.
"Warum erzaehlen Sie uns ausgerechnet jetzt davon? Konnten Sie es nicht mehr mit Ihrem Gewissen vereinbaren?"
Mulder wusste, dass Skinner mehr mit diesem Konsortium zu tun hatte, als ihm lieb gewesen waere. Nur er konnte noch nicht einschaetzen, ob Skinner mehr auf deren oder auf Ihrer Seite stand.
"Hoeren Sie, wir haben Ihnen viel anvertraut Skinner, aber sollte einem von uns was passieren, dann werde ich Sie nicht mehr ruhig schlafen lassen!" zischte Mulder und es war allen Anwesenden klar, dass er das nicht auf sich bezog, sondern auf Scully.
"Vor mir sollten Sie sich nicht fuerchten, Sie wissen, ich bin immer Ihr Freund und Vertrauter gewesen," Skinner versuchte sein Moeglichstes um Mulder wieder zur Raeson zu bringen, doch es gelang ihm nicht.
Schliesslich schaltete Scully sich ein: "Wir werden diesen Fall aufklaeren, so sehr es auch einigen Herren missfallen sollte, aber Sie muessen verstehen, dass wir trotz allem was Sie einmal fuer uns getan haben, misstrauisch sind. Es ist zuviel geschehen!"
Skinner nickte: "Lassen Sie mich nur wissen, wenn Sie Hilfe benoetigen!"
Scully erwiderte das Nicken und zog Mulder am Arm. Er verstand die Aufforderung und folgte seiner Partnerin zum Leihwagen.

 

Sie fuhren nun schon eine Weile wort- und ziellos in der Gegend herum. Mulder starrte stumm auf die Strasse, Scully richtete ihren Blick aus dem Seitenfenster.
"Scully?"
Sie drehte sich fragend zu Mulder um. Noch immer starrte er auf die Strasse.
"Wegen heute morgen..."
"Was Mulder?" entgegnete sie sichtlich gereizt.
"Wir hatten gestern Abend etwas zu viel getrunken." ergaenzte er seinen Satz.
Scully holte tief Luft: "Und?"
"Naja, ich glaube nicht..."
"Du glaubst also, der Alkohol war Schuld und wir waren sowieso zu beduselt um ueberhaupt noch irgendwas zu machen. Ah ja, und wer sagt mir, dass das stimmt?" Sie war aeusserst gereizt.
"Och, ich denke du wuerdest dich daran erinnern, wenn wir..." schmunzelte er und spuerte Scully's eisigen Blick in seinem Nacken.
"Das ist ja wohl..." begann sie ihre Schimpftriade, kam aber nicht sehr weit, da sie durch einen euphorischen Ausruf Mulder's unterbrochen wurde:
"Ich hab's!"
"Was hast du? Dich haben sie gebissen, mehr nicht!" fluchte Scully in einer ihr untypischen Art.
"Nein, nein!"
Mulder lenkte den Wagen abrupt an die Strassenseite und sah die verwirrte Scully beschwoerend an: "Scully, HANUMAN, ich weiss jetzt wieder, woher ich dieses Wort kenne!"
"Und?" Vergessen war der Aerger und sie sah ihn neugierig an.
"Hanuman ist ein thailaendischer Affengott aus den Ramakien!"
"Affengott, Ramakien? Mulder, was willst du mir damit sagen?" Scully war sehr verwirrt.
"In Thailand gibt es einen Mythos. Der Affengott Hanuman verleiht angeblich unverschaemte Kraft, wenn man ihn als Taetowierung am Koerper traegt. Und die Ramakien... das ist die Epoche aus dem der Mythos stammt sowie die Europaeer die Barockzeit hatten."
"Du willst also damit sagen, dass dieser Mythos zum Leben erwacht ist und eine Frau unsterblich macht?"
"Halt," unterbrach er sie, "nicht unsterblich! Er verleiht ihr unwahrscheinliche Kraefte, aber die Unverwundbarkeit haengt nicht mit dieser Taetowierung zusammen. Darauf habe ich leider auch keine Antwort."
Sie laechelte. Nein, was hatte Mulder doch nur wieder fuer Phantasien.

 

***

 

Er laechelte. Es war eines der wenigen Male, dass er ein leichtes Laecheln auf den Lippen hatte. Niemand sonst konnte es sehen. Vermutlich haette es auch jeder andere als ein einfaches Zucken der Mundwinkel abgetan. Sein verhaermtes Gesicht schien um Jahre juenger als er beobachtete wie einer ihrer Handlanger in einem Schutzanzug eine Spritze mit etwas schwarzem aufzog und zu seiner Gefangenen schritt.
Tamara war eine schoene und begehrenswerte Frau. Eigentlich fand er es schon fast schade, sie zu opfern, aber sie hatte es ja nicht anders gewollt.
Er laechelte ihr zu, waehrend sie ihn beschimpfte und verfluchte. Aus seiner hoehergestellten Position hinter einer Scheibe aus Panzerglas, konnte er sich getrost entspannen.
"Du kannst mich nicht toeten! Ich bin unverwundbar und unersaetzlich fuer dich!"
Er hoerte ihre bitterboesen Beschimpfungen und holte eine kleine Metallkugel aus seinem Mantel hervor. Sie war besonders geformt und trug diverse thailaendische Symbole.
Sie dachte also, sie waere unverwundbar. Er wuerde ihr das Gegenteil beweisen.
Demonstrativ hielt er die kleine unbedeutend erscheinende Kugel in die Hoehe und betrachtete genuesslich ihre Reaktionen, die sich von Entsetzen und Furcht bis hin zum gluehenden Hass auf ihn wandelten.
Tamara hatte ihre Chance gehabt. Jetzt war es nur noch Zeit zum Vollstrecken.
Er gab das Zeichen und wandte sich wieder ab. Er wusste, was nun kam und es interessierte ihn nicht mehr. Sie wuerde es nicht ueberleben und das war das einzige was noch zaehlte.

 

***

 

Mulder studierte bereits seit mehreren Stunden in der New Yorker Buecherhalle Buecher thailaendischer Kultur.
Fuer Scully stand fest, dass Mulder's Hirngespinst was diesen Hanuman anging, ueberhaupt nicht der Wahrheit entsprechen konnte, aber sie legte keinen Widerspruch ein. Wie oft hatte ihr Partner schliesslich schon naeher an der Wahrheit gelegen als sie? Sie wollte eigentlich nicht darueber nachdenken, aber es blieb nicht aus.
Sollte dieser Affengott Hanuman in Form einer Taetowierung damit zu tun haben, wuerde sie sich wohl endgueltig eingestehen muessen, dass Mulder manchmal naeher an der Wahrheit lag als sie mit ihren wissenschaftlichen Thesen.
"Hier," begann er, "hier steht es: HANUMAN! Das Bildnis des Affengottes Hanuman, des Helden der Ramakien verspricht dem Traeger unerhoerte Kraft. Sieh an!"
"Und findest du rein zufaellig auch etwas ueber ihre Unverwundbarkeit?" setzte Scully muede hinzu.
"Mh..."
Er blaetterte einige Seiten weiter und begann dann erneut zu lesen: " Vielleicht hier: Das Leeglay, eine kleine Kugel aus Metall, Gold oder Edelsteinen mit eingeritzten heiligen Buchstaben, die unter die Haut gesetzt wird, soll unverwundbar machen und Boeses abwenden." Er sah auf: "Koennte doch sein oder?"
"Ja, koennte sein, klingt mir aber alles so unwahrscheinlich, Mulder!" Sie stand auf, um sich die Beine zu vertreten und umkreiste ein paarmal den Tisch, an dem sie sassen.
Gelangweilt blickte sie Mulder ueber die Schulter.
"Mulder!" entfuhr es ihr mit einem Male und alles starrte sie entsetzt an.
"Und du sagst zu mir, ich haette nicht mehr alle Tassen im Schrank?" entfuhr es Mulder reichlich entgeistert ueber ihren ploetzlichen Ausruf.
"Hoer zu, dieses Bild habe ich schon einmal gesehen!" Hektisch tippte sie auf der Abbildung einer thailaendischen Zeichnung herum.
"Und wo?" Jetzt schien auch Mulder nicht mehr zu interessieren, dass sie die Aufmerksamkeit auf sich zogen.
"Die Asiatin in der Bar. Mulder sie hatte diese Figur als Taetowierung!" Scully schwankte zwischen Begeisterung und Entsetzen, wenn sie daran dachte, wie nahe sie der Moerderin schon gekommen waren und Mulder mit seiner Theorie wahrscheinlich auch noch Recht hatte.
"Die Bruenette, die mich angebaggert hat?"
"Mulder, du bist von einer Moerderin angebaggert worden!" grinste Scully, da ihre Gefuehlswirrwarr sich nun fuer die Freude der Entdeckung entschieden hatte.
"Na dann lass uns mal raus bekommen, wer sie wirklich ist!" er klappte mit Schwung das Buch zu und sah sich anschliessend entschuldigend um. Vielleicht waren sie ja doch ein wenig zu laut gewesen.

 

***

 

Nachdem Scully und Mulder mehrere Stunden in der Fahndung verbracht hatten, wussten sie endlich mehr ueber die geheimnisvolle Moerderin.
"Tamara Williams, aufgewachsen in Suedthailand und vermutlich vor 20 Jahren mit einem Touristen in die Staaten eingewandert. Sie war 5 Jahre verheiratet, dann kam ihr Mann auf eigenartige Weise ums Leben, seitdem ist sie nicht mehr in Erscheinung getreten, es gibt nichts ueber diese Frau ausser einer Adresse. Alles sehr merkwuerdig!" las Scully vor.
"Wo hat sie gewohnt?" fragend blickte Mulder ueber seine Schulter.
"In der Bronx, jedenfalls soll das ihre letzte Adresse gewesen sein, ob sie die letzten Jahre dort wirklich verbracht hat, ist fraglich."
"Die letzten Jahre?" Mulder's Augenbraue hob sich.
"Diese Adresse stammt von vor 4 Jahren. Wenn sie wirklich eine Kriminelle war, wird sie wohl kaum dort wohnen geblieben sein," entgegnete Scully achselzuckend.
"Sie ist doch nie ueberfuehrt worden, warum also nicht?" erwiderte er und schlug den Weg zu Tamara Williams Haus ein.

 

Sie hielten den Wagen auf der gegenueber liegenden Strassenseite und betrachteten eingehend das hell erleuchtete Haus.
"Da soll sie gewohnt haben?" Mulder sah seine Partnerin fragend an.
"Da soll sie angeblich auch heute noch wohnen!" entgegnete Scully, jedoch nicht ohne einen skeptischen Unterton in der Stimme.
Mulder lehnte sich in seinem Sitz zurueck und kramte ein paar seiner Sonnenblumenkerne hervor. Sie betrachtete ihn eingehend.
"Auch welche?" er reichte ihr seine Hand und sah sie fragend an.
Verneinend schuettelte sie den Kopf.
"Tja, dann wuerde ich mal sagen, wir sehen uns das ganze mal aus der Naehe an."
Mulder liess die Sonnenblumenkerne wieder in seine Manteltasche gleiten und stieg aus dem Wagen. Scully folgte ihm.
"Woher mochte Masters diesen Hanuman-Mythos wohl kennen?" Scully klang skeptisch.
"Vielleicht hat er ja mal Urlaub in Thailand gemacht? Was weiss ich, jedenfalls koennen wir froh sein, dass er diese Darstellung kannte, sonst wuerden wir immer noch im Dunkeln tappen."
Sie nickte seufzend und strich ihr Kostuem zurecht, wie sie es fast immer tat, wenn sie irgendwo hin kamen. Mulder klopfte an der Tuer und wartete gespannt.
Nach wenigen Sekunden hoerten sie ein schluerfendes Geraeusch und dann Kinderstimmen, ehe ihnen ein kleiner Junge von vielleicht 5 Jahren die Tuer schwungvoll oeffnete.
"Ja bitte?" erklang seine quaekige Stimme.
"Wir haetten gern eine Tamara Williams gesprochen," versuchte Mulder sein Glueck und kam sich ein wenig albern vor.
Der kleine Junge machte auf dem Absatz kehrt und rannte wieder ins Haus. Scully und Mulder blickten sich fragend an.
"Hallo?" eine Maennerstimme ertoente hinter ihnen und liess sie sich erstaunt umdrehen.
"Sie wollten meine Frau sprechen?" fragte er und sah die beiden Agenten fragend an.
Mulder und Scully stockte der Atem. Verheiratet? Kinder? War das wirklich ihre Moerderin?
"Heisst Ihre Frau Tamara Williams?" Scully hielt ihre FBI-Marke hoch.
"Mein Gott, ist etwas passiert?" er sah die beiden verstoert an.
"Duerfen wir reinkommen, Mr. Williams?"
Mulder's Frage wurde mit einer einladenden Handbewegung kommentiert und so folgten sie Mr. Williams in sein Haus.

 

Als sie wieder im Wagen sassen, waren sie beide sehr ueberrascht ueber das, was sie soeben erfahren hatten. Tamara Williams war eine reife Frau mittleren Alters mit zwei Kindern, einem Ehemann und einer 15jaehrigen, gluecklichen Ehe.
Beide wollten zuerst nicht glauben, dass sie alle von der gleichen Person sprachen, bis Mr. Williams ein Foto seiner Frau holte und ihnen zur Ansicht reichte.
Auf diesem Bild erkannten sie eindeutig die Frau aus der Bar, wenn auch in gesitteter Kleidung und mit zwei Kindern im Arm. Es war sehr verwirrend.
Auch Mr. Williams konnte nicht so ganz begreifen, was man ihm ueber seine Frau erzaehlt hatte. Er hatte sie als ruhige, lebenslustige Frau gekannt und nie irgendwelche Veraenderungen an ihr bemerkt.
"Sie ist 43, Scully, ich haette diese Frau niemals auf dieses Alter geschaetzt!"
"Da kann man mal sehen, wie blind ihr Maenner seit, wenn ihr schoene Frauen seht," erwiderte seine Partnerin.
"Dann muesste ich bei dir ja schon voellig erblindet sein!" grinste er sie schief an.
Sie laechelte zurueck und legte ihre Hand auf seine: "Danke fuer das Kompliment, aber heb dir solche Sachen fuer Frauen wie Tamara Williams auf."
Sein Grinsen verflog. Manchmal war es ihm unbegreiflich wie sie beide eine harmonische Partnerschaft fuehren konnten.
"Mulder, warte!" stoppte ihn Scully in seiner Bewegung, den Wagen zu starten.
Er blickte sie fragend an.
Sie deutete auf einen herankommenden Wagen und dessen auffaelliges Aeusseres. Jeder andere haette nichts hinter dem schwarzen Ford vermutet, doch die geuebten Augen von Mulder und Scully hatten den Wagen gleich identifiziert.
"Ich schaetze die Williams' erhalten unerwuenschten Besuch!" murmelte Mulder und rutschte ein Stueck tiefer in seinem Sitz. Scully tat es ihm gleich, behielt dabei jedoch die Tuer im Auge.
Als die dunkel gekleideten Herren Einlass in das Haus erhielten, ueberlegten Scully und Mulder angestrengt, ob sie nicht lieber eingreifen sollten. Als sich nach wenigen Minuten jedoch die Tuer wieder oeffnete und die Maenner mit einem Aktenkoffer davon gingen, blieb ihnen eine Entscheidung erspart.
Mulder startete den Wagen und folgte dem schwarzen Ford. Er benoetigte Scully's Einverstaendnis nicht, sie war mit Sicherheit der gleichen Auffassung wie er.
"Ob ihr Mann doch etwas wusste?" Scully sah betreten aus dem Fenster. Ihr war es nicht leicht gefallen, Mr. Williams zu erzaehlen, dass seine Frau eine mehr als fragwuerdige Vergangenheit hinter sich hatte.
"Ich denke, sie haben erzaehlt, sie seien Arbeitskollegen und in dem Aktenkoffer seien Unterlagen von ihr, die benoetigt wuerden." Mulder konzentrierte sich auf den vorausfahrenden Wagen.
"Aber weisst du, was mich stutzig machen laesst? Mr. Williams sagt, seine Frau sei seit gestern frueh nicht mehr nach Hause gekommen, aber er hat nichts unternommen."

Scully blickte ihn fragend an. Was wollte er ihr damit sagen? Dass Mr. Williams kein treusorgender Ehemann war?
"Vielleicht hat sie angegeben, sie muesse auf eine Geschaeftsreise? Wir wissen nicht, ob sie nebenbei nicht doch noch einen Job hatte."
Mulder liess sie seinen Argwohn spueren: "Dann haette doch was in der Akte darueber gestanden!"
"Wenn sie nicht ihren richtigen Namen benutzt hat?"
Resigniert nickte er. Manchmal war es doch sehr deprimierend, welch klare Gedankengaenge seine Partnerin hatte, waehrend in seinem Gehirn nur UFO's und Psychopathen herum geisterten.

 

Sie folgten dem Wagen in einigem Abstand bis er an einer alten Fabrikhalle hielt und die beiden Insassen ausstiegen. Mulder sah seine Partnerin auffordernd an.
Scully bedurfte keiner Worte, sie nickte und folgte ihrem Partner aus dem Wagen und in Richtung Fabrikhalle. Gebueckt warteten sie, bis die zwei Personen im Gebaeude verschwunden waren und eilten dann zu der sich schliessenden Tuer.
Mulder eilte hindurch und zog Scully hinter sich mit, ehe die Tuer hinter ihnen ins Schloss fiel. Mit einem Blick auf Scully registrierte er, dass mit ihr alles in Ordnung war und gab das Zeichen zum Weitergehen. Sie folgte ihm wortlos.
Hatte das Gebaeude von aussen noch heruntergekommen ausgesehen, so war es innen auf dem neusten Stand, was die Technik anging.
In jedem Raum, den sie passierten, waren hochtechnische oder medizinische Geraete untergebracht.
Mulder gab seiner Partnerin das Zeichen zum Halten. Die Maenner vor ihnen hatten gestoppt und ueberreichten den Koffern einer Person, die ihnen beiden sehr bekannt vorkam. Der Geruch von Morleys stieg ihnen in die Nase.
Scully fasste Mulder auf die Schulter und er nickte ihr zu, ohne sich umzudrehen. Beiden war klar, dass sie diesmal ganz dicht an der Wahrheit waren.
Die beiden Maenner verschwanden und der Krebskandidat setzte seinen Weg alleine fort.
Die beiden Agenten folgten ihm.
Einige Gaenge weiter verschwand er in einen weiteren Raum. Sie folgten ihm weiter, blieben jedoch hinter einer zweiten Tuer stehen. Es schien noch jemand mit ihm im Raum zu sein. Wortfetzen drangen an ihre Ohren:
"Wie geht es ihr?"
"Sie wird uns nicht mehr in die Quere kommen."
"War das noetig?"
"Durchaus. Nun zum geschaeftlichen Teil. Hier sind die fehlenden Unterlagen."
"Und sie meinen, es funktioniert?"
Ein polterndes Geraeusch hinter den Agenten liess sie und auch die Gespraechspartner in ihrer Unterhaltung stocken.
Mulder drehte sich langsam um und starrte in die Muendung einer Waffe. Man hatte sie entdeckt.
Es dauerte nur wenige Sekunden, da oeffnete sich die zweite Tuer und zwei weitere Personen betraten den Raum - der Krebskandidat und sein Gespraechspartner.
Scully blickte entsetzt zu Mulder - es war eine Falle!
"Agent Mulder, Agent Scully! Wir haben Sie bereits erwartet."
Scully blies den Zigarettenrauch aus ihrem Gesicht und richtete sich auf.
"Sie haben die ganze Zeit gewusst, dass wir Ihnen auf der Spur waren!" Mulder war mal wieder in Kampflaune. Er wirkte frustriert, da er von der Wahrheit nun wieder ein Stueck weit entfernt war.
"Sie sollten langsam wissen, dass wir Ihnen immer einen Schritt voraus sind, Agent Mulder!" laechelte sein Gegenueber.
"Was werden Sie jetzt tun?" schaltete Scully sich zum erstenmal in das Geschehen ein.
"Oh, Sie werden es noch frueh genug erfahren." Er trat seine Zigarette auf dem Fussboden aus und verliess den Raum. Scully und Mulder blieben mit den zwei Wachen zurueck, die sie in schliesslich zu einem weiteren Raum am Ende des Ganges fuehrten, welcher in ein grosses Labor muendete.
In einiger Entfernung konnten sie eine mit einer Fluessigkeit gefuellte Vitrine sehen. Sie hatte ungefaehr die Groesse eines Menschen, vielleicht ein wenig groesser. In ihrem Inneren war ein Koerper zu erkennen.
Mulder und Scully warfen sich vielsagende Blicke zu: Tamara Williams.
Ein Stueck neben ihnen hantierte ein Wissenschaftler mit einigen Substanzen. Sie konnten nicht genau erkennen, was es war aber sie erkannten den Wissenschaftler: Mr. Williams.
"Welch ein Zufall, die Agenten vom FBI..."
Er setzte ein breites Laecheln auf und zueckte eine Spritze.
Die beiden Agenten starrten entsetzt auf die Spritze. Eine schwarze Fluessigkeit befand sich darin. Scully konnte erahnen was es war, sicher war sie sich bei weitem nicht. Mulder jedoch erkannte das schwarze Oel sofort. Er hatte selber einmal darunter leiden muessen und gesehen, wie andere Menschen daran zugrunde gingen. Er hatte nicht das Beduerfnis noch einmal mit diesem Zeug in Kontakt zu treten.
Er vernahm ein leises Knacken und anschliessend die hohl klingende Stimme des Rauchers, der ueber eine Sprechanlage zu ihnen sprach. Scully entdeckte ihn eine Etage hoeher hinter einer Glasfront.
"Sie wollten wissen, worum es geht, Agent Mulder. Nun, wie sie sehen, werden hier hochentwickelte Maschinen getestet, die dem Zwecke dienen, die Seele des Menschen zu retten."
"Zu retten?" Mulder war sich nicht sicher was er meinte. Gab es doch eine so viel beschworene Invasion von Ausserirdischen? Waren das keine Hirngespinste gewesen?
"Mulder?" Scully sah ihn fragend an. Ein Anflug von Panik stand in ihr Gesicht geschrieben.
"Ich werde Sie noch kriegen, das verspreche ich Ihnen!" schrie Mulder in einem Anflug von Jaehzorn, doch das schien seinen Ansprechpartner nicht zu beeindrucken. Er hob die Hand, wie zum Zeichen und verschwand dann aus ihrem Blickfeld.
Mulder drehte sich wieder zu Scully um und registrierte zu spaet, dass man ihr die Spritze setzen wollte.
Entsetzt starrte sie ihn an, als man ihre Arme nach hinten bog und die Spritze sich ihrem Hals naeherte.
Mulder wollte nur einen Schritt machen, da spuerte er schon die Waffe des anderen an seiner Schlaefe. Scullys verzweifelter Blick traf ihn, aber sie sagte nichts.
Die Nadel war kurz vor Scullys Halsschlagader als das Glas der Vitrine brach, in dem sich Tamara Williams befunden hatte.
'Mr. Williams' liess seine Nadel fallen und machte einen Satz zurueck.
Ihre Bewacher vergassen fuer einen Augenblick ihre Aufmerksamkeit und starrten zu der berstenden Vitrine. Mulder war nur kurz erschrocken, er nutzte ihre Chance und packte Scullys Handgelenk, um sie aus der Reichweite von 'Williams' zu ziehen.
Schutz suchend rannten sie hinter einen der Labortische und beobachteten das Geschehen aus sicherer Entfernung.
Tamara stieg aus der Vitrine und sah sich suchend nach jemandem um. Sie erblickte 'Williams' und die beiden bewaffneten Maenner und naeherte sich ihnen.
'Williams' schien erstarrt.
"Wo ist er?" Ihre Stimme klang erschreckend lebendig im Gegensatz zu ihrem Aussehen.
Mulder und Scully vermuteten, wer gemeint sein konnte.
'Williams' gab der Asiatin keine Antwort und spuerte ihren Griff um seinen Hals.
"Tamara, nicht..." roechelte er.
"Du hast mich hierzu gemacht, also jammere nicht!" zischte sie und drueckte fester zu.
Das Gesicht des Wissenschaftlers lief blau an, ehe man ein knackendes Geraeusch hoerte. Sie hatte ihm scheinbar allein mit ihrer Kraft das Genick gebrochen.
Scully erschauerte.
Die Asiatin wandte sich waehrenddessen an die beiden bewaffneten Maenner, die in unterschiedliche Richtungen auseinanderstoben und fortwaehrend auf sie schossen.
Es schien der Asiatin nichts auszumachen.
Mulder packte Scully in dem Wirrwarr und rannte mit ihr los. Sie mussten so schnell wie moeglich hier verschwinden.
Tamara Williams kannte sie und wuerde auch sie nicht am Leben lassen.
Sie rannten an das andere Ende des Raumes und versuchten die dortige Tuer zu oeffnen, doch es gelang ihnen nicht.
Waehrend Mulder weiter an der Tuer hantierte, drehte sich Scully noch einmal um und besah sich das Spektakel. Die Situation richtig erfassend, packte ihren Partner am Arm und zog in mit sich zur Seite.
Nur knapp neben ihnen zerbarst ein Geraet an der Tuer und machte ihnen somit den Weg frei.
Dankbar blickte Mulder Scully in die Augen.
Aber es war nicht viel Zeit fuer Dankesreden und so rannten sie beide aus dem Forschungslabor, Tamara, die bereits die beiden anderen Maenner getoetet hatte, auf ihren Fersen.
"Hier lang!" schrie Mulder ihr zu, doch sie konnte den Blick nicht von dieser Frau lassen. Ihr Partner zog sie gewaltsam am Arm und sie erwachte aus ihrer Lethargie.
"Mulder, ihre Augen!"
Er nickte beilaeufig: "Sie ist infiziert."
Nach einer scheinbar endlosen Hetzjagd hatten sie endlich die Aussentuer erreicht, doch alles Ruetteln und Ziehen half nicht, sie war fest verschlossen und schien es auch zu bleiben.
Mulder griff sich den einige Meter entfernt haengenden Feuerloescher und begann die Tuer zu bearbeiten.
Jeden Moment konnte Tamara in Erscheinung treten.
Zudem roch es nach Feuer. Scully war sich ziemlich sicher, dass bei der Schiesserei etwas im Labor Feuer gefangen hatte.
Wenn es eine chemische Fluessigkeit war, konnte das nichts gutes bedeuten. Panik wallte in ihr auf.
Ein unmenschlicher Schrei erklang und sie zuckte zusammen.
"Mulder, bitte, hol uns hier raus!" schrie sie ihn an.
Er holte Anlauf und versuchte ein letztes Mal sein Glueck und in diesem Moment gab die Tuer tatsaechlich nach.
Er griff Scullys Hand und eilte aus der Tuer und zu ihrem Wagen. Mit einem Blick zurueck auf das Gebaeude konnten sie Flammen hochaufschlagen sehen.
"Schnell!" trieb er sie an.
Sie erreichten den Wagen und sprangen in das Fahrzeug.
"Mulder, da!" Scully deutete auf die Tuer der Fabrikhalle, wo eine brennende Gestalt auftauchte.
"Das Feuer scheint ihr nichts auszumachen!"
"Warten wir lieber nicht darauf, ob es stimmt!" zischte er und trat das Gas durch. Die Gestalt der flammenden Asiatin verschwand langsam aus ihrem Blickfeld...

 

***

 

Am fruehen Morgen waren sie wieder zu der Fabrikhalle gefahren. Mulder hatte Skinner informiert und sie hatten sich am Tatort getroffen.
Ausser einem Haufen Asche war nichts mehr vorhanden. Das Feuer hatte die ganze Nacht gewuetet.
Scully hatte den Polizeibericht gelesen - 3 maennliche Leichen. Alle bereits vor dem Feuer umgekommen. Keine Spur vom Raucher, keine Spur von Tamara Williams.
"Vielleicht liegt ihre Leiche irgendwo in der Umgegend," hatte Skinner vermutet, doch die beiden Agenten konnten es nicht so recht glauben.
Mulder hatte es nicht sein lassen koennen, noch einmal in der Asche herumzustochern und war auf einen kleinen metallenen Gegenstand gestossen - das Leeglay, eine Kugel aus Gold.
Scully fuerchtete die Wahrheit, wenn das heissen sollte, dass diese Frau eventuell eine zweite dieser Kugeln unter ihrer Haut trug.
Es wuerde so einiges erklaeren.
Resigniert, schon wieder nichts ausser dieser Kugel in der Hand zu halten, entfernten sie sich vom Tatort und kehrten ins Hotel zurueck.

 

***

 

Scully lehnte sich seufzend zurueck. Es war einfach zu viel gewesen. Mulder legte seine Arme von hinten um sie. Auch er hatte erstmal genug.
Sie blickte auf den Tisch vor ihnen und das kleine Paeckchen, das am Morgen gekommen war:
"Schliessen wir diese Akte?"
Mulder streckte eine Hand aus und griff in das kleine Paeckchen. Als er seine Hand wieder hervor zog, hielt er ein Leeglay in der Hand.
Beider Blicke hafteten auf der Kugel.
"Wer weiss, Scully, wer weiss..."

 

 

Ende